Kulturprogramm 2002/03
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Mystik

In der Überzeugung, dass sich die Religionen nirgends so nahe sind wie in der Mystik, war die Esoterik in den Religionen das Thema unserer diesjährigen Vortragsreihe.
  • Zum 120. Geburtstag von Khalil Gibran fand ein Vortrag mit inszenierter Lesung statt, denn sowohl die mystischen Texte Gibrans als auch sein stetiges Bemühen um eine fruchtbare Verbindung zwischen Ost und West verdienen Beachtung.
  • Stefan Makowski führte in einem Vortrag mit anschließender Sufiübung in die Praxis des Sufismus ein.
 
Vortrag und Lesung zu Leben und Werk des Khalil Gibran

Wenn dir die Liebe winkt, so folge ihr nach, sind ihre Pfade auch hart und steil... Mit diesen bekannten Worten aus dem Meisterwerk Der Prophet warb das Deutsch-Islamische Institut für einen Vortrag mit Lesung zum 120. Geburtstag des Libanesen Khalil Gibran (1883-1931) am 16. Januar 2003. Seit dem Erscheinen des Propheten 1923 in New York wurden allein in deutscher Sprache fast eine Million Exemplare des schmalen Bändchens verkauft. Es erhob Gibran in den Rang eines weltweit bewunderten Mystikers, weil es den Menschen eine einfache und tolerante Ethik des Lebens an die Hand gab. Die Neue Zürcher Zeitung spricht vom Propheten als einem Symbol für die Versöhnung zwischen Christentum und Islam.

Gibran war aber nicht nur der Autor des Propheten, er hat ein umfangreiches Werk hinterlassen: In seiner Exil-Heimat Amerika wurde er zuerst als Zeichner und Maler bekannt und bewundert, während nicht nur seine frühen Bücher, sondern vor allem seine Arbeit für verschiedene arabisch-sprachige Zeitungen ihm einen starken Einfluss in der arabischen Welt sicherten. Erst ab 1818 veröffentlichte Gibran auch in englischer Sprache. Mit diesem Schritt trat die Kritik an den sozialen Verhältnissen in seiner Heimat zugunsten philosophischer und spiritueller Fragestellungen in den Hintergrund.

Während der Esoterik-Welle die Wiederentdeckung Gibrans in Deutschland zu verdanken ist, hat sie leider auch zu einer Erhöhung der Person Gibrans geführt, der als orientalischer Guru entweder verehrt oder belächelt wird. Beides ist der Rezeption seines Werkes sicherlich hinderlich.

Gibrans Verdienste sind einerseits eng mit seiner Zeit verknüpft: Dazu zählen sein aktives politisches Wirken, seine Beschäftigung mit den Problemen seiner Zeit, die Ausdruck in seiner Zeitungsarbeit fand, und die Bemühungen zur Erneuerung der arabischen Kultur, die sich seinerzeit in einer Sackgasse befand. Manches davon mag überholt sein, aber selbst dort, wo man ihn zeitgebunden lesen muss, lernt man viel über die orientalische Gesellschaft und ihre wahren Probleme.

Von bleibendem Wert ist die Poesie und Schönheit in vielen seiner Werke. Darüber hinaus hat er Werte groß geschrieben, an die zu erinnern wichtig ist: vor allem Selbstverantwortung, Freiheit, Liebe, Glück, Natur und Heimat.

In seiner Suche nach der Gemeinsamkeit hinter den Religionen, kann er als Vorbild für den Dialog der Religionen angesehen werden. Allein die Tatsache, dass sich viele mit ihm schmücken möchten, ist sehr interessant. Gibran hat etwas im Menschen getroffen, das unabhängig von allen religiösen oder ideologischen Überzeugungen existiert. Dabei ist es bedauerlich, dass sich der Westen nur einen Teil angeeignet hat. Gibrans Ideale waren nie losgelöst von dem tiefen Glauben an Gott. Vielleicht liegt im Versuch der Versöhnung von Esoterik und Religion sein größtes Verdienst. Dieses Ziel ist bis heute weder im Christentum noch im Islam verwirklicht.

In ihrem Vortrag stellte Sabine Heydecke Gibrans Leben und Werk kurz vor. Der Schauspieler Peter Heydecke las ausgewählte Texte. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Abend beim Publikum das Interesse am Werk Gibrans geweckt hat. Viele seiner Schriften bereichern nun die Bibliothek des Institutes und laden zum Weiterlesen ein.

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Islamische Mystik - Der Sufi-Weg

In die Theorie und Praxis der islamischen Mystik führte Stefan Makowski mit einem Vortrag und einer Sufiübung ein. Der heute in Österreich lebende Makowski ist Leiter des Sufi-Institutes bei Wien, offizieller Vertreter des Naqshibandiordens, der größten Sufigemeinschaft der Welt, und Autor zahlreicher Bücher. Seine Werke Allahs Denker in Europa: Deutsche Dichter und Denker und der Islam und Der Sufi-Weg können in der Bibliothek des Institutes eingesehen werden.

Makowski hat anhand zahlreicher Quellentexte und der Etymologie des Wortes Sufi schlüssig dargestellt, dass die Geschichte der Sufis nicht erst mit dem Islam begann, sondern schon dreitausend Jahre früher mit Beginn des Monotheismus.

Die Existenz jüdischer Propheten, Nabis, ist schon im 23. Jahrhundert vor Christus belegt. Nabis waren von Gott mit einer Botschaft betraut. Auch die Bibel kennt Beschreibungen von Nabis, die denen von Sufis extrem ähneln: So handelt es sich bei beiden um charismatische Außenseiter, die in Orden organisiert sind und sich durch Musik und Tänze in Ekstase steigern.

Auch die Bibel erwähnt Sufis. Die Wurzel des entsprechenden Wortes ist spt oder sft und führt zu einigen Begriffen, die eng mit dem Sufitum zusammenhängen: safa (Stein), safat (Orakel oder Gericht), sufi(t) (Richter und Führer), misfat (die göttliche Ordnung). Im Zusammenhang mit Jesus fällt auch das Wort der entsprechenden Wurzel, was uns als Wächter übersetzt wird.

Wenn der Koran Muhammad zum Siegel aller Nabis erklärt, dann wird seine Aufgabe, die Tradition zu bewahren, die der Bibel entsprang, ganz offensichtlich.

Über die inhaltliche Nähe mystischer Botschaften hinaus sieht Makowski in den Sufis ein Band, das die Geschichte der Religionen verknüpft: In den ersten Jahrhunderten nach Christus sind christliche Sufis und in den späteren Jahrhunderten die islamischen Sufis die vermissten Nachkommen jüdischer Nabis.

Neben einer Übung, die Menschen allein praktizieren können und die vor allem mit Projektionen arbeitet, stellte Stefan Makowski auch eine Gruppenübung vor, in der bei Bewegung und Gesang die arabische Formel Es gibt keinen Gott außer Gott, die den ersten Teil des muslimischen Glaubensbekenntnisses ausmacht, beschworen wurde.

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