3. Quartal 2000
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Muslime in Deutschland und der Dialog

Im Berichtszeitraum vom 15. Juli bis 30. September 2000 erschienen in 1.489 Zeitungsausgaben insgesamt 556 unterschiedliche Artikel.

Gliederung nach Artikelthemen:
 Summe
Dialogveranstaltungen (Ankündigungen 60) 168
Islamunterricht (insbesondere Bayern, Berlin und Hessen)117
Moscheebau81
Denkschrift der EKD30
Artikelserie von DPA20
Kopftuch (insbesondere Prozess in Niedersachsen)18
Politik15
EXPO (Islampavillon Zentralrat der Muslime)15
Leserbriefe15
Islamische Hochzeit auf der EXPO 200010
Interviews9
Begräbnisfragen6
Rezensionen, Besprechungen3
Schächtung3
Denkschrift der FES (Berichte bis Ende September)3
Sonstige43
Summe556
107 Berichte über Dialogveranstaltungen und 60 Veranstaltungsankündigungen (überwiegend Einladungen zu Veranstaltungen in Moscheen oder mit Muslimen) sind ein Beweis für den Willen der Muslime zum Gespräch mit ihren deutschen Nachbarn. Auseinandersetzungen um Moscheebauten und Prozesse um das Kopftuch oder das Schächten zeigen aber auch, dass die Dialogbemühungen noch nicht zu einem entspannten gesellschaftlichen Miteinander in Deutschland geführt haben.

Dialogveranstaltungen scheitern oft nicht nur an der Sprache, sondern auch an den starren Vorurteilen beider Seiten. Bevor es zu einem Dialog gleichwertiger Partner mit dem Ziel, sich gemeinsam für die Zukunft der Gesellschaft einzusetzen, kommen kann, müssen diese Vorurteile abgebaut werden. Im Moment sind wir erst dabei, die Voraussetzungen zu einem konstruktiven Dialog der Religionen zu schaffen.

Religionsunterricht:

Die Auseinandersetzungen um die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts sind der Spitzenreiter in der Berichterstattung: Insgesamt 117 Artikel befassen sich mit den unterschiedlichen Ansätzen der Bewältigung dieser Frage in verschiedenen Bundesländern.

In Bayern ist die CSU bestrebt, möglichst schnell einen deutschsprachigen Religionsunterricht einzuführen. In Hessen herrscht nach Einholung von drei Gutachten laut Auskunft des Kultusministeriums immer noch Informationsbedarf über die Islamische Religionsgemeinschaft in Hessen, die sich ihrerseits diffamiert fühlt. In Berlin spielt der Senat auf Zeit. In wenigen Artikeln wird von dem bereits laufenden Versuch in Nordrhein-Westfalen berichtet.

Moscheebau:

Ein weiteres Kernthema der Berichterstattung ist der Bau von Moscheen. Insgesamt 81 Artikel befassen sich mit dieser Frage. Dabei ist keine generalisierende Bewertung möglich: Berichte über neue Moscheen stehen hier neben Berichten über kommunalpolitische Auseinandersetzungen zur Verhinderung neuer Bauten. Wir meinen, dass das Thema zumindest entschärft werden könnte, wenn man den Baustil der Moscheen der jeweiligen Umgebung anpasste, so dass sich die Moschee dort harmonisch einfügte.

Leserbriefe und Interviews:

Während die Berichterstattung im Bereich Dialog viele Veranstaltungen verzeichnet, ist der direkte Dialog mit Lesern und Interviewpartnern nur sehr schwach ausgeprägt: Insgesamt 15 Leserbriefe und 9 Interviews ergeben ein eher zurückhaltendes Bild direkter Interaktion. Angesichts der Probleme, die der Islam in Deutschland hat, ist es bedauerlich, dass sich die Muslime nicht stärker und intensiver in die öffentliche Diskussion, zum Beispiel auch durch das Schreiben von Leserbriefen, einschalten.

Kopftuch, Begräbnisfragen, Schächtung:

Im Berichtszeitraum erschien eine relativ geringe Anzahl von Artikeln zu diesen Themen. Die Zahl der Berichte zu diesen Themen erhöht sich immer dann, wenn es aktuelle gerichtliche Auseinandersetzungen gibt. Die Frage des Kopftuchtragens wird von beiden Seiten, den Muslimen und den Behörden, unnötig hochgespielt. Eine sachliche Klärung ist dringend geboten - wir arbeiten daran - weil das Tragen des Kopftuches auch in der islamischen Welt umstritten ist. Eine Vielzahl der Muslime und ein Großteil der Intellektuellen unter ihnen neigen heute dazu, es als eine gesellschaftliche und nicht religiöse Angelegenheit anzusehen.

EXPO, islamische Hchzeit:

Mit insgesamt 25 Artikeln wurde über den vom Zentralrat der Muslime in Deutschland gestalteten Islam-Pavillon auf der EXPO 2000 und die dort stattfindenden Veranstaltungen (z.B. eine islamische Hochzeit) berichtet.

Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES):

Ein breites öffentliches Echo (30 Artikel/Meldungen) fand die Veröffentlichung einer Handreichung der EKD über die Begegnung mit Muslimen in Deutschland. Gegen Ende des Berichtszeitraums erschien eine Studie der FES über Organisationen von Muslimen in Deutschland. (Über die ausführliche Rezeption dieser Studie siehe nächster Quartalsbericht).

DPA-Artikel:

Besonders bemerkenswert ist eine Zusammenstellung von Artikeln, die über DPA angeboten wurde: Diese Artikel wurden teilweise oder vollständig von 20 Zeitungen abgedruckt. Zu den Artikeln gehörte u.a. der Bericht einer Wissenschaftlerin, die feststellte, dass es die Bedrohung des Islam nicht gibt und ein sachlicher Bericht darüber, wie der Islam die religiöse Zusammensetzung der bundesrepublikanischen Gesellschaft verändert hat.

Fazit:

Insgesamt gesehen ist die Berichterstattung überwiegend sachlich, faktenorientiert und informativ. Auffällig sind allerdings Unsicherheiten über die Inhalte islamischer Begriffe, wie z.B. Scharia oder Fatwa. Hier sind vor allem die Muslime, besonders die Konvertiten mit ihren Kenntnissen der deutschen Kultur und Sprache, aufgefordert, Inhalte dieser Begriffe zu klären und ihnen möglicherweise Begriffe aus der deutschen Sprache zuzuordnen. Ein klares Vokabular gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen eines erfolgreichen Dialogs.