Der Islam
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Inhalt
  1. Der interreligiöse Dialog
  2. Glauben und Religion
  3. Der Islam
    a) Entstehungsgeschichte
    b) Muhammad
    c) Der Koran
    d) Glaubensüberzeugungen
    e) Theologie, Sunna, 5 Säulen, Neuerungsbestrebungen
  4. Islam in Deutschland
    a) Der Islam und das deutsche Geistesleben
    b) Islam und die Deutschen
    c) Vertreter des Islam in Deutschland
  1. Zukunftsperspektiven, Aufgaben, Kritik
  2. Projektionen
    a) Frau im Islam
    b) Fundamentalismus
    c) Scharia
    d) Dschihad, Terror
    e) Aufklärung
    f) Demokratie, Laizismus
  3. Länder
    a) Afghanistan
    b) Palästina
  4. Allgemein
    a) wirtschaft

1. Der interreligiöse Dialog

Nur durch den interreligiösen Dialog können wir den Muslimen ein Stück weit bei ihrer Reformarbeit helfen: Die Verinnerlichung im Christentum könnte die Muslime dazu veranlassen, die starke Prägung des Islam als Gesetzesreligion zu überdenken und wieder zum Bemühen um eigene Meinungsbildung und freie Auslegung – idschtihad – zurückzukehren. Wenn wir die Muslime ernster nehmen würden, könnten wir ihnen das Selbstvertrauen schenken, das es ihnen ermöglichte, ihren eigenen Weg zu finden und sich nicht mehr nur in Opposition zum Westen zu definieren. Andererseits kann die Begegnung mit dem Islam den Christen helfen, das wiederzufinden, was ihnen schmerzhaft fehlt. Pater Adolf Heuken schreibt dazu: Der Christ wird sich Gedanken machen müssen, ob und i wieweit man z.B. auf die Dauer Glauben und privates wie öffentliches Leben, Religion und Welt voneinander trennen kann.

Nicht jede Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen führt zwangsläufig zu einem Dialog. Dazu müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein.

  • Man muss auf beiden Seiten den Willen zum Dialog haben.
  • Man muss sich als gleichwertige Partner verstehen, wozu auch die Offenheit gehört, seine eigenen Positionen zu überdenken.
  • Dazu muss man sehr kritisch mit der eigenen Kultur sein, es reicht nicht, in abstrakten Begriffen zu denken und von nicht-realisierten Idealen auszugehen.
  • Man darf sein Gegenüber nicht auf Begriffe festnageln, die nicht von ihm selbst stammen.
  • Man muss sich eingestehen, dass verschiedene Wege zum gleichen Ziel führen können, dass Gott alle Menschen in seinem Heilswillen umfasse.

Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann ein wahrer Dialog der Kulturen stattfinden. Und dieser Dialog ist aus vielen Gründen wichtig.

  • In der Auseinandersetzung mit dem Fremden erfahren wir viel über uns selbst.
  • Für uns in Deutschland ist der Dialog wichtig, damit wir auch den bei uns lebenden Menschen anderer Kultur gerecht werden und ihnen angstfrei die Rechte zubilligen können, die wir auch für uns in Anspruch nehmen.
  • Global gesehen gibt es nur diese eine Welt für uns alle, und wir müssen angesichts der vielen dringenden Fragen des Überlebens auf diesem Planeten gemeinsam neue Wege eines verantwortungsvollen Umgang miteinander und mit der Umwelt finden. Es reicht nicht mehr, nur lokal Lösungen anzustreben.
Von einem Dialog mit dem Islam sind wir in Deutschland wohl noch weit entfernt. Im Moment sind wir dabei, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Erst wenn die vielen Vorurteile, dabei schließe ich nicht aus, dass es auch zutreffende kritische Urteile über den Islam und über Muslime gibt, ausgeräumt sind, erst dann haben wir eine gemeinsame Basis für einen fruchtbaren Dialog.

Die Zusammenarbeit von Christen und Muslimen sollte ein positiv gemeinsames Bemühen sein, um menschliche Werte ins Bewusstsein zu heben und in die Tat umzusetzen. Roger Garaudy, ein französischer Philosoph und Muslim schreibt: Die Einheit der Welt, nicht die imperiale Einheit einer scheinheiligen weltweiten Ausdehnung, sondern die symphonische Einheit aller Völker, aller Gesellschaften ist der einzige Tempel, der würdig wäre, der Gottes genannt zu werden. Unsere erste Pflicht als Gläubige ist es, seine Erbauer zu sein.
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2. Glaube und Religion

Glaube ist die freiwillige Bindung des Menschen an eine höhere Macht und ein darauf zurückgehendes System von Werten, die bei den meisten gläubigen Menschen, egal welcher Religion, sehr ähnlich sind. Jeder Mensch stellt sich im Laufe seines Lebens irgend wann einmal die Sinnfrage, Religionen geben darauf Antworten, sie verleihen dem Leben Transzendenz. Es ist wichtig, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, denn viel Unverständnis gegenüber dem Islam erwächst aus der Tatsache, dass viele Menschen im Westen selbst ungläubig sind. Dieses Unverständnis ist gegenüber gläubigen Christen gleichfalls vorhanden, hat also mit dem Islam als besondere Religion gar nichts zu tun.

Das Glaubenbekenntnis der Muslime ist kurz und knapp: Es gibt keine Gottheit außer Gott und Muhammad ist sein Gesandter. (Allah ist das arabische Wort für Gott, es wird auch von Christen in arabischen Ländern zur Anbetung Gottes benutzt.) Die lexikalische Bedeutung des Wortes Islam ist: Hingabe (an Gott). Der Islam gehört neben Judentum und Christentum zu den drei großen monotheistischen Religionen. Abraham gilt als der Vater der Gläubigen, weil er die Inkarnation der grundlegenden religiösen Haltung des Monotheismus vor der Etablierung der Rituale und der Gesetzgebung war. (Arkoun) In allen Diskussionen um den Islam geht aber dieser – darüber hinaus die Religionen verbindende – Aspekt des Glaubens verloren. Während das Heil der Christen im Leben der Kirche liegt, finden wir viele Stellen im Koran, die andere Wege der Gotteserkenntnis und eines darauf aufbauenden gottesfürchtigen Lebens nennen.

Siehe, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Wechsel der Nacht und des Tages und in den Schiffen, welche das Meer durcheilen mit dem, was den Menschen nützt, und in dem was Gott vom Himmel an Wasser niedersendet, womit er die Erde nach ihrem Tode belebt, und was Er an allerlei Getier auf ihr verbreitet, und in dem Wechsel der Winde und der Wolken, die dem Himmel und der Erde dienen – wahrlich, in all dem sind Zeichen für Leute von Verstand! (2:164)

Keine Tiere gibt es auf Erden und keine Vogel, der mit seinen Schwingen fliegt, die nicht Völker wie ihr seid.
(6:38)

Seht ihr denn nicht, dass euch Gott alles in den Himmeln und auf Erden dienstbar machte und Seine Gnade über euch ausgoss, sichtbar und unsichtbar? Und doch streiten einige über Gott – ohne Wissen, ohne Anleitung und ohne erleuchtendes Buch. (31:20)

Und nehmt eure Zuflucht zur Geduld und zum Gebet. Siehe, dies ist fürwahr schwer, außer für die Demütigen, die da glauben, dass sie ihrem Herrn begegnen und dass sie zu Ihm heimkehren werden. (2:45, 46)

Ich möchte an dieser Stelle auch auf das reiche Erbe der islamischen Mystiker hinweisen. In der Poesie der Sufis, die leider auch innerhalb des Islam oft verteufelt wurden, kommt der Glaube an den einen Gott in unendlicher Schönheit zu Wort. Aber auch der Koran ist nicht nur Theophanie (Erscheinung Gottes) und Gesetz. Er ist auch ein getreulicher Spiegel dieses Weges der Anfechtungen eines Menschen, der sucht, irrt und verzagt, der mit Gott hadert und von Gott zurechtgewiesen und getröstet wird, der sich korrigiert und rechtfertigt.

Der Glaube ist die Basis. Als Hilfe für die Menschen hat Gott Propheten mit Botschaften geschickt, die Anleitungen für die Menschen enthalten. In Sure 4, Vers 28 heißt es dazu: Gott will es euch leicht machen.

Eine dieser Botschaften ist der Koran. Er ist die einzige Autorität im Islam. Alle im Laufe der Geschichte von den Theologen daraus abgeleiteten Dogmen und Gesetze bedürfen kritischer Betrachtung. Sie führten zur Entwicklung der Religion Islam, die sich leider allzu oft von der Geisteshaltung Islam unterscheidet, so wie der historische Christus kaum noch in den Dogmen der Kirche erkennbar ist.

Die Religion bietet Rituale und heilige Handlungen als Hilfe für den Menschen auf dem Weg zur Gotteserkenntnis. Das kennen wir aus allen Religionen, sie kennen das Gebet, das Fasten und Propheten. Problematisch wird es aber, wenn dem Menschen sein freier Wille, ohne den es keinen Glauben geben kann, durch die Religion genommen wird. Der Mensch gerät in Abhängigkeit und wird so seiner eigentlichen Verantwortung vor Gott nicht mehr gerecht.

Karl Barth geht sogar so weit zu sagen, dass Religion nur Sache des gottlosen Menschen sein könne, dessen also, der nicht glaubt, und daher auch keine Gemeinschaft mit Gott hat. Ebenso oder ähnlich sehen es auch Karl Rahner oder Erich Schnebel, alles bedeutende Theologen.

Und der katholische Theologe Thomas Sartoty formuliert, dass die Kirchen immer wieder in der Gefahr stehen, vom Glauben abzufallen in Religion.

Diese Gefahr hat anscheinend immer bestanden, denn schon der Bhagavadgita Indiens (ca. 200 v. Chr.) heißt es: Wer nach dem Heile strebt, sollte der Ausführung ritueller Werke entsagen... Religion – so möchte ich es definieren – ist die Haltung eines Menschen, der den Äußerlichkeiten (Praktiken, Dogmen...) einen höheren Stellenwert einräumt als dem Tun aus dem Glauben. Das Neue Testament sagt, dass allein wichtig ist der Glaube, der durch die Liebe tätig wird. (Galater 5:6)

Und der Koran formuliert ähnlich: Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euer Gesicht nach Westen oder Osten kehrt. Fromm ist vielmehr, wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und an die Engel. Und die Schrift und die Propheten; und wer sein Geld – auch wenn er selbst Bedarf hat – für seine Angehörigen und die Waisen, die Armen und den Reisenden, die Bettler und die Gefangenen ausgibt; und wer das Gebet verrichtet; und wer die Steuer (Zakat) zahlt. Und die, welche ihre eingegangenen Verpflichtungen einhalten und in Unglück, Not und Gefahr standhaft sind: Sie sind es die aufrichtig und gottesfürchtig sind. (Sure 2:177)

Daher stellt der Koran in der zweiten Sure, Vers 256 kategorisch fest: Es gibt keinen Zwang im Glauben.

In beiden Religionen gab und gibt es Menschen, Gruppen, Regime, die sich auf ihren Glauben berufen, ihn aber nicht verstehen und leben, sondern missbrauchen. So haben Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen der früheren Jahrhunderte so wenig mit dem Liebesgebot Christi zu tun, wie die Segnung der Atombomben vor ihrem Abwurf auf Nagasaki und Hiroschima, die Glaubenskriege in Irland, um nur einige zu nennen. So muss man auch im Islam unterscheiden zwischen der Lehre und dem, was Menschen daraus machen. Wenn ich jetzt vom Islam spreche, dann beschränke ich mich auf eine Darlegung der grundsätzlichen Glaubensinhalte, werde aber auf solche Aspekte besonders eingehen, die hier häufig missverstanden oder fehlinterpretiert werden.

In jeder Religion gibt es nur einen kleinen Kreis wirklich gläubiger Menschen, die Bewahrer der Tradition und zugleich Reformer ihres Glaubens sind. Reformer, die behutsam den Glauben in nur wenigen Aspekten, nicht dem Zeitgeist, sondern den veränderten geistigen und seelischen Bedürfnissen des Menschen anpassen.

Das Wort Islam steht heute für eine Religion mit einer 1400–jährigen Geschichte, für viele unterschiedliche Kulturen, unendlich viele Ausprägungsformen von Schwarzafrika, Nordafrika, Arabien bis zu den Philippinen. Wir können das nicht in einer Stunde abhandeln, müssen uns also auf den kleinsten gemeinsamen Nennen als Basis unserer Diskussion beschränken, die reine Lehre.

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3. Der Islam
 
a) Entstehungsgeschichte

Der Islam ist eine Weltreligion mit etwa 1,4 Millionen Gläubigen, was also etwa der Zahl der Christen auf dieser Welt entspricht. Wenn der Ursprung des Islam auch in der arabischen Wüste liegt, so leben heute nur noch 18% aller Muslime im arabischen Raum. Ein Fünftel lebt in Afrika südlich der Sahara, und die größte muslimische Gemeinschaft ist in Indonesien. Ein großer Teil Asiens ist muslimisch, während Minderheiten in den zentralasiatischen Republiken, in Indien, China, Nord- und Südamerika, sowie Ost- und Westeuropa zu finden sind.

Einzige Autorität im Islam ist der Koran (übersetzt: Vortrag, Lesung...), der dem Propheten Muhammad im Verlaufe von 23 Jahren in Mekka und Medina geoffenbart wurde. Muhammad wurde 570 in Mekka geboren. Er gehörte dem mächtigen Stamme der Koraisch an. Sein Vater starb vor seiner Geburt, seine Mutter kurz danach. So wurde Muhammad von seinem Onkel Abu Talib großgezogen. Als nachdenklicher Mensch zog er sich von Zeit zu Zeit in die Höhle Hira zurück um zu meditieren. Dort erhielt er im Alter von 40 Jahren die erste Offenbarung Gottes durch den Engel Gabriel. Nach vielen Zweifeln fing er an zu predigen, die Bewohner Mekkas stellten sich aber gegen ihn und seine kleine Gruppe von Anhängern. Im Jahr 622 (dem Jahre 1 der islamischen Zeitrechnung) wanderte mit seiner Gemeinde nach Madina aus, wo er 632 starb und begraben wurde.

Die 114 Suren des Koran wurden leider nicht nach dem Zeitpunkt ihrer Offenbarung geordnet, sondern der Länge nach. Er gilt den Muslimen als die letzte Offenbarung Gottes für die Menschen.

Die Botschaft des Koran knüpft direkt an Judentum und Christentum ausdrücklich an. So heißt es in der 3. Sure, Verse 2–4: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen! 2. Es gibt keine Gottheit außer ihm, dem lebendigen, dem ewigen. 3. Er hat auf dich das Buch in Wahrheit herabgesandt, bestätigend, was ihm vorausging. Und er sandte hinab die Thora und das Evangelium. 4. Schon (zuvor) als eine Rechtleitung für die Menschen; und er sandte ihnen (den Maßstab zur) Unterscheidung.... In der gleichen Sure heißt es später in Vers 84: Sprich: Wir glauben an Gott und das, was auf uns herabgesandt worden ist und was auf Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und die Stämme herabgesandt worden war und was Moses und Jesus und den Propheten von ihrem Herrn gegeben wurde. Wir machen keinen Unterschied zwischen einem von ihnen, Ihm sind wir ergeben.

Eine ganz interessante Stelle finden wir in der Sure 62 Vers 14: O ihr, die ihr glaubt! Seid Gottes Helfer im Sinne von Jesus, Sohn der Maria, als er die Jünger fragte: Welches sind meine Helfer auf dem Weg zu Gott? Die Jünger antworteten. Wir sind Gottes Helfer!

Der Koran ist durchweg in Reimprosa gehalten, das heißt, die Verse besitzen einen Reim, aber kein Versmaß. Nachdem die einzelnen Suren anfangs völlig ungeordnet auf den verschiedensten Materialien festgehalten worden waren, ließ der 3. Kalif, Uthman zwanzig Jahre nach Muhammads Tod die verstreuten Texte zusammenfassen. Die Sprache des Koran ist Hocharabisch und nach muslimischem Verständnis ist eine Übersetzung nicht möglich. Den Sinn der vollkommenen Worte Gottes vermag man durch die Übertragung in eine andere Sprache nur nahe kommen.

Bald nach dem Tod des Propheten Muhammad erreichte der Islam die Kontinente Afrika, Asien und auch Europa, und immer mehr Menschen bekannten sich zu diesem Glauben. In den darauffolgenden Jahrhunderten entfaltete sich das islamische Reich weiter und viele Völker nahmen den Islam an.

Ein Grund für diese schnelle Ausdehnung des Islams ist die Einfachheit seiner Lehre – der Islam basiert auf dem Glauben an den einzigen, der Anbetung würdigen Gott. Der Islam fordert die Menschen auf, ihre eigene Intelligenz und Beobachtungsgabe zu nutzen, nichts ungeprüft hinzunehmen.

Die sich entwickelnde islamische Zivilisation integrierte das Erbe älterer Kulturen wie das der Ägypter, Perser und Griechen, deren Wissen nur noch in Bibliotheken aufbewahrt wurde. Viele Gelehrte des islamischen Reiches waren an den wissenschaftlichen Erkenntnissen dieser Kulturen interessiert. So befassten sie sich mit der Übersetzung und Weiterentwicklung philosophischer und wissenschaftlicher Abhandlungen aus dem Griechischen und dem Syrischen (die Sprache der christlichen Gelehrten), aber auch aus dem Pahlevi, der Sprache des vorislamischen Persiens und der altindischen Sprache Sanskrit.

Der Koran lehnt eine Missionierung grundsätzlich ab, da Gott allein die Menschen zum Islam führen kann: Es gibt keinen Zwang in der Religion. (Sure 2: 2,5,6) Ergänzend dazu heißt es in Sure 3, Vers 20: Werdet ihr Muslime? Falls sie Muslime werden, sind sie geleitet. Kehren sie sich jedoch ab, dann obliegt dir nur die Predigt. Und Gott sieht seine Diener. Und schließlich seien die zwei Verse aus der zehnten Sure, 99 und 100 erwähnt: 99. Und wenn dein Herr es gewollt hätte, wären alle auf Erden allesamt gläubig geworden. Willst du etwa die Leute zwingen, gläubig zu werden? Niemand kann glauben ohne Gottes Erlaubnis. Er aber zürnt denen, die ihren Verstand nicht gebrauchen.

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b) Muhammad

Viel Unverständnis gegenüber dem Islam entzündet sich an der Person Muhammads selbst. Unsere Vorstellungen von Religionsstiftern sind geprägt von Personen wie Jesus, Buddha oder Zarathustra in ihrer ganzen Bescheidenheit und Friedfertigkeit. Muhammad war nicht nur Prophet, sondern auch Staatsführer und Kriegsherr. Aus allen diesen Aspekten das stimmige Bild einer Person zu schaffen, die für uns Vorbildcharakter haben kann, und genau das erwarten wir ja, ist schwer. Wenn man Muhammad im Gewand des Propheten betrachtetn möchte, ist es unvermeidlich, die mekkanischen Suren zu Rate zu ziehen, besonders die Suren 23 und 53, die nur mit den Worten Jesu vergleichbar sind. Um ihn in seiner Rolle als Herrscher, Staatsmann und Gesetzgeber zu sehen, müssen wir die Suren 2, 4, 47 und vor allem die Sure 9 zur Hand nehmen. (Dashti) Es gibt neben Muhammad niemanden, dessen Biographie so lückenlos und in so vielen Einzelheiten übermittelt wurde. Natürlich sind nicht alle Quellen gleichermaßen vertrauenswürdig. Gerade in der Zeit nach Muhammads Tod entstand eine eigenständige Gattung, die das Leben Muhammads in heroischer Weise nachzeichnete, Mythen und Wunder den bekannten Tatsachen hinzudichtete. Das bekannteste dieser Werke stammt von Ibn Ishaq.

Inzwischen haben vor allem viele große westliche Forscher (Nöldecke, Goldziher, von Kremer, Mez, Blachère...) detaillierte, weder übertrieben fanatische, noch den Islam ablehnende Forschungsarbeiten angefertigt. Daneben gibt es leider auch diejenigen, die ein sehr negatives Bild vom Propheten Muhammad zeichnen. Ihr Hauptargument scheint zu sein, dass Jesus und Moses, nicht aber Muhammad von Gott berufen seien. Allerdings befindet man sich hier auf einem recht unsicheren Terrain. Man kann weder das eine, noch das andere beweisen und jegliche Diskussion endet in einer Sackgasse. Was macht das Prophetentum aus?

Ein Einwand gegen Muhammad und damit eben auch gegen den Koran und des Islam lautet, dass Muhammad seine Offenbarungen aus machtpolitischen Gründen erfunden habe. Die Forschung ist inzwischen so weit, dass sich bestimmen lässt aus welcher Periode einzelne Offenbarungen sind, grob werden die frühen Offenbarungen aus Mekka von den Offenbarungen aus Medina, die entstanden sind, als Muhammad Staatsoberhaupt war, unterschieden. Als Muhammad etwa im Jahr 610 seine erste Offenbarung hatte, reagierte er nicht etwa mit Triumph. Er war ein Händler aus Mekka, er gehörte zwar zum herrschenden Stamm der Quarisch, aber war sonst bedeutungslos. Er hat mehr als zwei Jahre gebraucht, um mit der ersten Offenbarung fertig zu werden, seine Prophetenrolle zu akzeptieren. In diesen Jahren erhielt er auch keine weiteren Offenbarungen. Bis zu seinen ersten öffentlichen Auftritten im Jahr 613/614 steigerte sich die Zahl seiner Anhänger auf etwa zwanzig. Und die ersten Reaktionen seiner Mitbürger waren Hohn und Spott. Bis 622, also 12 schwere Jahre lang, dauerten die Geburtswehen der neuen Religion, es gab in dieser Zeit nicht mehr als 100 Bekehrte. Und Muhammad hat diese Zeit ertragen. Wäre es ihm nur um Macht gegangen, hätte er sicher einen einfacheren Weg finden können. Gerade in einer Stadt wie Medina, die ja von den Erlösen der jährlichen Pilgerfahrten zu den vielen Göttern in der schon existierenden Kaaba gut lebte, war die Einführung einer monotheistischen Religion sicher der schlechteste Weg, um Erfolg zu haben. Wenn man den Gang der Ereignisse dieser dreizehn Jahre nach der Berufung und dazu die mekkanischen Suren genau untersucht, tritt die Heldenhaftigkeit eines Mannes ans Licht, der sich allein gegen seinen Stamm stellte und sich durch nichts in seinem Eifer aufhalten ließ, sie zu überzeugen und zu bezwingen... Er hatte keine Angst vor Spott und Verleumdungen. (Dashti)

Mit dem Einzug Muhammads in Medina 622 wurde der Prophet zum Staatsmann, änderte sich auch die Art der Suren. Dabei gibt es nicht nur stilistische Unterschiede, sondern vor allem inhaltliche. Ging es in Mekka vor allem um transzendente Themen, den Glauben an Gott, entstanden in Medina die uns heute sehr bekannten Suren zum Gesetz und der Staatsordnung. Muhammad ward das gegeben, was nur wenigen Propheten, Denkern, Philosophen und Gottsuchern vor und nach ihm vergönnt war: der Sprung in die Praxis. Und es erwies sich, dass er, wohl als einziger unter all diesen Männern des Geistes, in Ehren die größte Prüfung bestand, die die Welt von einem Propheten verlangen kann – dass er seine Theorie in die Praxis umsetzte. Aus dem abstrakten Wort des Korans errichtete Mohammed das Gebäude eines Staates, einer praktischen Weltanschauung, einer Weltmacht. Der Sprung in die Praxis heißt Medina... Diese erstmalige praktische Verwirklichung einer abstrakten, religiösen Lehre ist die eigentliche neue Note des Islam in der Weltgeschichte. (Bey) Inzwischen lässt sich sehr gut rekonstruieren, dass fast alle Erlässe und Gesetze zu einem konkreten Anlass, einem Ereignis oder der Frage eines Gläubigen, offenbart wurden. Schon diese Erkenntnis zwingt zu einer besonderen Lesart des Koran. Es gibt Gebote, die sich widersprechen, ihre Existenz lässt sich nur aus der Tatsache erklären, dass sich die Gesellschaft in Medina entwickelte. Das darf der heutige Koranleser nicht außer Acht lassen.

Die Anfangsgeschichte des Islam sei eine sehr blutige, ist ein weiteres Argument gegen Muhammad und seine Botschaft. In den zehn Jahren, die der Prophet in Medina regierte, führte er vierundsiebzig Feldzüge, von denen er vierundzwanzig persönlich leitete... Sie wurden nicht geführt, um den Glauben zu verbreiten, denn dazu gab es ja das Wort, sie dienten zur Ausbreitung der weltlichen Macht des Propheten. Sie sollten ferner Tribute einbringen und das Wirkungsfeld seines Wortes ausdehnen. Für die Masse der Muslims, die an den Kriegen teilnahmen, waren es aber nur Raubzüge, Möglichkeiten einer schnellen Bereicherung. Die Ethik der Wüste sah darin nichts Ehrenrühriges. (Bey) Man darf nicht vergessen, um welche Zeit es sich handelte, welche rauhen Sitten und Gebräuche damals herrschten und welchen Umfang die uns bekannten Schlachten hatten. Kriege waren zumeist bewaffnete Scharmützel. Die Schlacht von Badr (624) kostete 64 Menschen das Leben. 625 fand die Schlacht bei Uhud statt, ein Überfall auf eine Karawane der Quraischiten, 627 der Grabenkrieg, der auf einen Angriff der Mekkaner zurückging. 630 fiel der Entschluss, gegen Byzanz zu ziehen, allerdings erfolglos. Von Mohammed stammen aber auch, zum ersten Mal in der Weltgeschichte, Gesetze humaner Kriegsführung. War vorher Krieg gleichbedeutend mit der endgültigen Ausrottung des Feindes, auch in der Bibel, auch in den Anfangszeiten Mohammeds, so wandelte sich die Kriegsmoral später. Das Ziel Mohammeds war nicht die Eroberung, sondern die Organisierung der Welt (Bey). Der Prophet verbot List und Betrug, das Töten von Kindern, Frauen und Kranken, Krieg sollte sich nur gegen feindliche Heere, nie gegen friedliche Einwohner richten, Felder, Gärten und Palmen, die Lebensgrundlage der Menschen, galt es zu schonen.

Der Islam habe sich mit Feuer und Schwert über die Welt verbreitet, alle Beteuerungen von Toleranz gegenüber anderen Religionen seien von der Realität entkräftet worden, sagen viele Kritiker. Inzwischen setzt sich aber die Überzeugung durch, dass die enormen Eroberungen der frühen Muslime nicht nur auf ihre Tapferkeit zurückzuführen sind, sondern auch auf die oströmische Kirchenpolitik von Byzanz, die Schuld daran war, dass die muslimischen Eroberer oft als Befreier empfangen wurden, auf die ständigen Streitereien zwischen Byzanz und Persien, die beide schwächten und auf die Anwesenheit vieler Araber in Byzanz und Persien schon lange vor den ersten muslimischen Eroberungen. Spätere Eroberungen waren 635 Syrien, 637 Irak, 640 Palästina, 642 Ägypten, 650 Persien, 732 Spanien, 1453 Konstantinopel, 1683 Stop vor Wien.

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c) der Koran

Der erste Anstoß, den Koran zu sammeln und zusammenzustellen, kam von Umar. Er traf sich mit Abu Bakr, der inzwischen Kalif geworden war, und trug ihm vor, man müsse den Koran sammeln und ordnen, weil es zu viele Meinungsverschiedenheiten über den genauen Inhalt und Wortlaut gebe. Diejenigen, die den Koran aufgrund seines Inhaltes als Wunder einstufen, werden mit dem Problem konfrontiert, dass er gar keine neuen Ideen enthält. Alles war bereits von anderen hervorgebracht worden. Sämtliche moralischen Grundsätze sind selbstverständlich und allgemein anerkannt... Konfuzius, Buddha, Zarathustra, Sokrates, Moses und Jesus hatten ähnliche Gebote und moralische Gesetze verkündet, neu sind nur die Verordnungen, die Muhammad als Gesetzgeber des Islam erlassen hatte. Der Koran ist vielmehr ein Wunder, weil er Muhammad befähigte, ganz allein, ohne materielle Mittel und trotz seines Analphabetismus den Widerstand seines Volkes zu brechen und eine dauerhafte Religion zu begründen, und weil er wilde Menschen gehorsam machte und damit seines Überbringers Willen über sie manifestierte. (Dashti) In Muhammads medinensischen Jahren entstanden auch alle Regelungen für Heirat und Scheidung, Blutsverwandtschaft und angeheirateter Verwandtschaft, Polygamie, Menstruation, Erbschaft, Bestrafung bei Ehebruch und Diebstahl, Vergeltung und Entschädigung für Mord und Verletzung und andere privat- und strafrechtliche Angelegenheiten, dazu kamen noch Regelungen zu Beschmutzungen, Beschneidung und Verbote von bestimmten Speisen und Getränken. Die meisten dieser Vorschriften sind entweder von den Juden oder von den heidnischen Arabern übernommen worden, aber nicht ohne vorher verändert oder angepasst worden zu sein. (Dashti)

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d) Glaubensüberzeugungen

Während der deutschen Öffentlichkeit vor allem die fünf Säulen des Islams bekannt sind, weil sie ein tätiges Bekenntnis sind, sind die 6 wichtigsten Kernaussagen, man könnte sie die Glaubensartikel nennen, weitgehend unbekannt. Dabei sind uns einige schon aus dem Christentum bekannt:
  1. Der Glaube an den einen Gott: Es gibt nur einen einzigen unfassbaren Gott: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen! 1. Sprecht: Er ist der Eine Gott. 2. Gott der Absolute. 3. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt. 4. Es gibt keinen, der ihm gleicht...
    (Sure 112, Aufrichtigkeit des Glaubens). Es gab und gibt keine Inkarnation Gottes in einen Menschen, auch Jesus war nur ein Gesandter Gottes. Dieser einzige Gott hat alle Menschen mit gleichen Rechten und Pflichten geschaffen und ist somit auch für alle Menschen gleichermaßen da. Es gibt und gab kein "auserwähltes Volk". Wer sich Gott ganz hingibt und nach seinem Willen lebt, ist Muslim – so wie schon Abraham, wie Moses und Jesus.
  2. Der Glaube an das Leben nach dem Tod: Es gibt ein Leben nach dem Tode. Sinn der menschlichen Existenz ist die Erkenntnis und das Lob Gottes und daraus folgend, selbst nach der höchsten Stufe des Menschseins zu streben. Das Verhalten des Menschen, seine Taten, entscheiden über sein Schicksal im Jenseits. Wetteifert daher miteinander in guten Werken. Wo immer ihr seid, Gott wird euch allesamt zu ihm zurückbringen. Siehe, Gott hat Macht über alle Dinge... (Sure 2:148). Es gibt keine Erbsünde, jeder Mensch ist direkt vor Gott für sich selbst verantwortlich, er bedarf keines Vermittlers<
  3. Der Glaube an Gottes Engel
  4. Der Glaube an Gottes offenbarte Bücher und den Koran als Sein letztes Buch
  5. Der Glaube an Gottes Propheten und an Muhammad als Seinen letzten und endgültigen Gesandten
  6. Der Glaube an die göttliche Vorsehung
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e) Theologie: Sunna, 5 Säulen, Neuerungsbestrebungen

Als sich während der Offenbarungen Muhammads eine Gemeinde (Umma) herausbildete, wurde die Theologie geboren. Sie suchte nach Wegen, die von Gott im Koran vorgegebenen Richtlinien umzusetzen. Weil es oft Fragen gab, die sich allein aus dem Koran nicht beantworten ließen, fing man an, den Propheten als besten Kenner von Gottes Willen als Beispiel anzusehen. Im Laufe mehrerer Jahrhunderte wurden seine Taten und Worte (Hadithe) als die Sunna (Überlieferung) des Propheten zusammengetragen. Sie mussten jeweils durch mindestens zwei Männer besten Leumundes überliefert sein. Dennoch gibt es eine Vielzahl nicht authentischer Hadithe, das mag Muhammed vorausgesehen haben. Daher besagt ein sicherlich echtes Hadith von ihm, dass Aussprüche und Weisungen, die ihm zugeschrieben werden, aber nicht logisch, nicht vernünftig sind, keineswegs von ihm stammen können. Und er empfiehlt im Zweifelsfalle immer wieder auf die Offenbarungen im Koran zurückzugreifen. Vieles, was heute als islamisch gilt, stammt also nicht aus dem Koran von Gott, sondern aus den von Menschen zusammengetragenen Hadithen, die zudem sehr eng an die Person, Zeit und Umgebung des Propheten gebunden sind. Man muss hier also sehr kritisch sein, es müssen wissenschaftliche Untersuchungen ähnlich der kritischen Bibelforschung unternommen werden.

Aus Koran und Sunna hergeleitet wurden die Riten des Islam, die fünf Säulen, die das Leben des Muslims umfassen:
  1. Glaube (Imman). Das Glaubensbekenntnis wird Shahada genannt und ist eine einfache Formel, die alle Gläubigen bekennen. Es gibt keine Gottheit außer dem einen Gott und Mohammad ist sein Gesandter. Wer Muslim werden will, spricht die Shahada und fügt dann hinzu: Ich bezeuge es.
  2. Salat ist die Bezeichnung für das fünfmal täglich zu verrichtende rituelle Gebet. Es stellt eine direkte Verbindung zwischen dem Beter und Gott her. Da es im Islam keine hierarchisch gegliederte Autorität und keine Priester gibt, wird das Gebet durch einen Imam oder durch einen von den versammelten Gläubigen dazu Bestimmten geleitet. Tatsächlich verlangt der Koran nur drei Gebete und zwar morgens, mittags und abends. Da der Mensch aber schwach ist, das hat Muhammad richtig erkannt, bedarf er immer wieder des engen Kontaktes zu Gott und dessen Leitung
  3. In der religiösen Steuer oder Sozialabgabe die man Zakat nennt, kommt zum Ausdruck, dass alle Dinge Gott gehören und dass jeglicher Besitz dem Menschen nur zur treuhänderischen Verwaltung überlassen ist. Zakat bedeutet sowohl Reinigung als auch Wachstum. Der Besitz wird gereinigt indem wir einen Teil davon für Bedürftige Abzweigen und dieses führt wiederum zu einem sittlichen Wachstum von uns selbst. Jeder Muslim berechnet sein Zakat selbst. Sie umfasst in der Regel ein Vierzigstel des Vermögens. Hiervon ausgenommen sind Eigenheime, ein Fortbewegungsmittel und Arbeitsgeräte. Natürlich ist es möglich, noch mehr zu geben, es handelt sich dann um freiwillige Wohltätigkeit. Diese sollte eher diskret geschehen.
  4. Jedes Jahr im Monat Ramadan fasten die Muslime von der ersten Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Wer krank, alt oder auf Reisen ist, sowie schwangere oder stillende Mütter dürfen das fasten brechen und können dies an einer gleichen Anzahl von Tagen im Jahr nachholen. Falls sie körperlich nicht dazu in der Lage sind, muss für jeden versäumten Tag eine bedürftige Person beköstigt werden. Fasten gilt natürlich als gesundheitsfördernd aber in erster Linie gilt es als ein Weg zur Selbstreinigung.
  5. Eine Pilgerfahrt nach Mekka, die Hadsch, ist nur für diejenigen eine bindende Verpflichtung, die dazu körperlich und finanziell in der Lage sind. Die Riten der Hadsch gehen auf Abraham zurück. Sie bestehen aus dem siebenmaligen Umkreisen der Kaaba und dem siebenmaligen Lauf zwischen den Hügeln Safa und Marwa, wie es Hagar, Abrahams Frau bei ihrer Suche nach Wasser tat, nachdem sie alleine mit ihrem Kind in der Wüste zurückgelassen wurde.
Es ist offensichtlich, dass die Symbolik des Islam ebenso wie die des Christen- und Judentums einem Prozeß unterliegt, der sie auf das Niveau von Gesetzbüchern, mechanischen Ritualen, scholastischen Doktrinen und Herrschaftsideologien absinken lässt (Arkoun). Ich weise nochmals darauf hin, dass das Praktizieren der 5 Säulen ohne den rechten Glauben wertlos ist. Im Mittelpunkt einer jeden Handlung steht die Absicht des Handelnden. Dass Gott mit seinen Empfehlungen überhaupt nicht die Verantwortung des Menschen aufhebt, zeigen die Texte des Korans zum Beispiel bezüglich des Fastens: O ihr, die ihr glaubt! Euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es den Menschen vor euch vorgeschrieben war; vielleicht werdet ihr gottesfürchtig. Es geht um abgezählte Tage; wenn einer unter euch aber krank oder auf Reisen ist, der faste die gleiche Anzahl von anderen Tagen. Und die, die es nur mit größter Schwierigkeit könnten, sollen zum Ausgleich einen Armen speisen. Und wer aus freien Stücken mehr als vorgeschrieben tut, tut es zu seinem Besten. Dass ihr fastet, ist euch zum Vorteil, wenn ihr es richtig begreift. Es ist der Monat Ramadan, in welchem der Koran als Rechtleitung für die Menschen und als Beweis dieser Rechtleitung und als normativer Maßstab herabgesandt wurde. Wer von euch in diesem Monat zugegen ist, soll während seines Verlaufs fasten. Wer jedoch krank ist oder auf einer Reise, der faste eine gleiche Anzahl anderer Tage. Gott wünscht, es euch leicht und nicht schwer zu machen und dass ihr die Zahl der Tage erfüllt und Gott dafür preist, dass Er euch geleitet hat. Und vielleicht seid ihr dankbar. Und wenn dich Meine Diener nach Mir fragen, siehe, Ich bin nahe. Ich will dem Ruf des Rufenden antworten, sobald er Mich ruft. Doch auch sie sollen Meinen Ruf hören und an Mich glauben; vielleicht schlagen sie den rechten Weg ein. Erlaubt ist euch, in der Nacht des Fastens eueren Frauen beizuwohnen. Sie sind euch ein Kleid, und ihr seid ihnen ein Kleid. Gott weiß, dass ihr selbst euch dies verwehrt hättet. Doch Er hat sich euch gnädig zugewandt und Erleichterung gewährt. So verkehrt mit ihnen und macht von dem Gebrauch, was Gott euch eingeräumt hat. Und esst und trinkt, bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen Faden von einem schwarzen Faden unterscheidet. Dann haltet das Fasten streng bis zur Nacht. (Sure 2:183-187)

Der Mensch hat Handlungsspielraum und muss immer wieder zwei Güter gegeneinander abwägen, aus seiner Entscheidung wächst auch seine Verantwortung. Leider gibt es heute unendlich viele Muslime, die die 5 Säulen überbetonen. Sie hoffen auf einen festen Rahmen für ihr Leben. Und missachten die im Koran angelegte Verantwortung jedes einzelnen bei jeder Handlung ihres Lebens.

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die erste Offenbarung, die Muhammad in Mekka erhielt so lautete: 1. Lies! Im Namen deines Herren, der erschuf – 2. Er schuf den Menschen einem sich Anklammernden 3. Lies! Denn dein Herr ist gütig, 4. der durch die Schreibfeder gelehrt hat – 5. den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste... Lies! Das heißt lerne, bilde Dich, schaffe dir Wissen. Diese erste Offenbarung hat wesentlich zur Expansion des Islam und zu dessen kulturellem Höhenflug nicht nur in Spanien beigetragen. Immer wieder spricht der Koran davon, dass der Mensch denken soll, nachdenken, seinen Verstand gebrauchen, um zu verstehen, um sein Leben vernünftig und erfolgreich und schön zu gestalten.

Und noch eine grundsätzliche Bemerkung: Jeder Muslim und jede Muslima können den Koran selbst auslegen und deuten. Es gibt keinen Klerus im Islam, der ihnen irgendwelche Vorschriften machen könnte. Das gilt selbst für die höchste Instanz im Islam, die durch Konsensus entstanden ist, nämlich Al-Azar, die Kairoer Universität. In Zweifelsfällen werden die Deutungen von Al-Azar übernommen, es muss aber nicht sein. Der Koran fordert immer wieder dazu auf, seinen Verstand zu gebrauchen, die Dinge zu prüfen und ihnen auf den Grund zu gehen.

Das Fehlen eines Klerus macht natürlich das Reden über den Islam schwer, eine Spiegel ist die Unübersichtlichkeit der muslimischen Gruppierungen in Deutschland, da will jeder mitreden. Andererseits ist es wichtig für jede Religion, sich immer mit der Gegenwart auseinander zu setzen, sich zu erneuern. Das muss auch der Islam, stößt dabei aber nicht auf so einen starren Apparat wie ihn das Christentum kennt. Viele Forschungsergebnisse finden immer noch keinen Eingang in die Kirchen, sei es die historisch-kritische oder feministische Bibelforschung.

Islamische Neuerer kämpfen mit anderen Problemen. Da der Koran als Gottes offenbartes Wort gilt, geht es nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit der Entstehung der Texte, sondern vielmehr mit der Lesart. Leider neigt die muslimische Welt heute zu sehr zu einer wörtlichen Auslegung von Gottes Wort. Dabei wird vergessen: Der Koran wurde im 7. Jahrhundert einer Gesellschaft offenbart, in der vieles zum Argen stand. Die Vielweiberei war Gang und Gäbe, eine sich auf Ethik gründende Moral war unbekannt, Mädchen wurden als minderwertig angesehen und oft nach der Geburt getötet. Dieser Situation musste Gott natürlich Rechnung tragen und seine Offenbarungen so zu uns nieder senden, dass sie von diesen Menschen auch verstanden wurden. Wir müssen heute aber nicht unbedingt die gleichen Lösungen versuchen, wie die Muslime im 7. Jahrhundert. Gott hat Ziele vorgegeben, er hat im Koran auch Mittel zur Verfügung gestellt, aber diese Mittel sind zeitbedingt und heute nicht mehr alle anwendbar.

Exkurs: Islam und Christentum

Ich möchte einen Text verlesen aus einer Broschüre des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland: Gott schuf den Menschen, so bekennen beide Religionen. Gerade im Rahmen des Schöpfungsglaubens gibt es Grundwerte für die Sinngebung des Lebens und für den Auftrag des Menschen, die Christen, Muslimen und Juden gemeinsam sind: So etwa Dankbarkeit für die Schöpfung und Verantwortung für sie, Solidarität mit allen Kreaturen, Sinngebung für ein nicht in Egoismus verfallendes Leben, Geborgenheit aus dem Glauben an Gott, Kritik an der Vergötzung von innerweltlichen Zielen, Einsatz für Schwächere und Benachteiligte, Achtung der Menschenwürde.

Christen und Juden glauben aufgrund der biblischen Botschaft, dass der Mensch zum Bild Gottes, zu dem Gott entsprechenden und verantwortlichen Gegenüber, geschaffen ist und dadurch seine Würde hat. Für Muslime ist der Mensch nach dem Koran Diener und – der heute überwiegenden Interpretation zufolge Stellevertreter (Khalifa) Gottes auf Erden. Weil er nach islamischem Verständnis von Natur aus auf Gott ausgerichtet ist, kann er Gottes Willen erkennen und ihm gemäß leben. Das heißt, der Mensch ist grundsätzlich in der Lage, das Bekenntnis zur Einheit und Einzigartigkeit Gottes auszusprechen und in Verantwortung vor Gott zu leben. Es gibt keinen Sündenfall, der dem Menschen diese Möglichkeit verschlossen hat. Der Mensch bedarf lediglich der Rechtleitung Gottes. Sie ist nötig, damit der Mensch das Verbotene meidet und um das Gute weiß. Diese Leitung hat Gott durch die Zeiten hindurch den Menschen gegeben: Durch die Propheten, durch die heiligen Schriften und durch den Koran als die letztgültige Offenbarung. Durch seinen Gehorsam, der der Erkenntnis folgt und in seinen Taten konkret wird, zeigt der Mensch, dass er zu Gott gehört und als sein Stellvertreter auf Erden handelt. Nach christlicher Lehre kann der Mensch Gottes Willen nicht erfüllen, da er durch die Sünde schlechthin dem Ungehorsam verfallen ist. Ihm kann bloße Rechtleitung nicht helfen, er bedarf der Erlösung.

Der Sündenfall ist das wesentliche theologische Problem zwischen dem Islam und den christlichen Kirchen. Nach Westermann beruht die Lehre vom Sündenfall auf einer spätjüdischen Deutung im 4. Esrabuch. In der Erzählung vom Sündenfall selbst ist sie nicht begründet. Etwas vereinfachend gesprochen kann man sagen, dass im Grunde mit dem Wegfall des Begriffes Erbsünde die Rolle Jesu als des Erlösers überflüssig würde.

Für einen Muslim ist es schwer nachvollziehbar, dass der allmächtige gütige und barmherzige Gott von Anfang an ein mit einem Makel behaftetes Geschöpf hervorbringt. Bei Augustinus ist dann die Erbsündenlehre zur vollen Ausbildung gekommen und ein typischer Satz von ihm ist: So wird auch der Fall des Menschen als ein Hinuntergleiten in eine niedrigere Seinsstufe verstanden, so dass Sünde nicht als Mangel, sondern als seinsmäßige Degradierung verstanden werden muss.

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4. Islam in Deutschland
 
a) Der Islam und das deutsche Geistesleben

Die Geschichte geistiger und kultureller Beziehungen zwischen dem Islam und Europa – speziell Deutschland – ist, auch wenn das heute kaum noch zur Kenntnis genommen wird, im Grunde eine erfolgreiche Geschichte. Sie wieder zu entdecken, in die Gegenwart und Zukunft zu tragen und für die Menschen fruchtbar zu machen, ist eine besondere Aufgabe für das Institut.

In der Person des Hohenstaufenkaisers Friedrich II (1194-1250) erreichten die deutsch-islamischen Beziehungen einen geistigen und kulturellen Höhepunkt. Angeregt durch islamische Wissenschaft und islamische Kultur begann Deutschland im Mittelalter mit großem Erfolg seine eigene Kultur aufzubauen und zu erweitern und erklomm in der Philosophie, in der Musik und in der Wissenschaft besondere Höhen.

Siegrid Hunke schreibt dazu: "Nach 200 Jahren Krieg und 200 Jahren Blutvergießen geschieht es: Am 18. Februar 1229 reichen sich Abend- und Morgenland die Hand zum feierlichen Schwur. Vor dem Hochmeister des deutschen Ordens, Hermann von Salza, und dem Grafen Thomas von Aquin, leistet der "Beherrscher der Gläubigen", der Sultan Al-Malik Al-Kamil, seinen heiligen Eid "Bei Gott und seinem Gesetz, mit reinem Herzen und gutem Willen und ohne Abbruch und in gutem glauben, alles zu beobachten, was die unter meiner Hand liegende Urkunde geschrieben enthält". Zur gleichen Stunde schwört im Feldlager von Jaffat das weltliche Oberhaupt der Christenheit, Kaiser Friedrich II von Hohenstauffen, den Frieden in die Hände des Emirs Fachr Ad-Din und setzt nach arabischer Sitte hinzu, er werde das Fleisch seiner Linken verzehren, wenn er seinen Schwur jemals breche. Ein Frieden ist geschlossen, ohne Kampf und ohne Kriegswerkzeug, zwischen Gleichberechtigten und in der Atmosphäre persönlicher, fast herzlicher Freundschaft.

Sollte so etwas nicht auch heute möglich sein?

Deutschland ist eine der führenden Kulturen nicht nur Europas und besitzt ein bedeutendes wissenschaftliches Gewicht, Deutschland gilt darüber hinaus als besonders kreativ und als ein Wegbereiter neuer Ideen. Es gibt aber darüber hinaus eine gewisse geistige Basis für diese Sympathie zwischen Arabern und Deutschen. So schreibt Siegrid Hunke in ihrem Buch Die Orientierung, Sternstunden deutsch-arabischer Begegnung (Stuttgart, 1993): Ohne die jeweiligen rassischen Stile und Bewußtseinsstrukturen zu verwischen oder zu leugnen, läßt sich feststellen, daß beide Völker aus ihrer eigenen Wesensmitte und unabhängig voneinander bestimmte ähnliche Auffassungs- und Verhaltensmuster entwickelt haben, die jedoch keineswegs insgesamt allen Völkern Europas und des Orients eigentümlich, geschweige allgemeinmenschlich sind.

Es ist ein Sinn für Heldentum – wenn wir unter diesem heute eindeutig definierten und allseitig verfemten Begriff die Unbedingtheit des selbstlosen, persönlichen Einsatzes für Menschen, für eine als Wert erkannte Sache und aus der Treue zu sich selbst verstehen. Ein Sinn für Gastfreundschaft, der die gleiche Unbedingtheit und Verantwortung des Schutzes selbst für den Feind verlangt. Ein Sinn für die Ritterlichkeit, die im Feind den ebenbürtigen Gegner anerkennt und demgemäß sein Verhalten würdigt. Es ist ein ausgeprägter Sinn für Toleranz, die die andere Religion achtet, dem Andersgläubigen den Existenz- und Freiheitsraum sichert und ihn als gleichwertigen Partner in den eigenen Bereich einläßt.

Und sie sagt weiter, und das halte ich für das Wesentliche. Wenn das Welt- und Gottesverständnis von Arabern und Deutschen von ihren Ursprüngen her auch keineswegs identisch sein kann, so ist ihnen doch beiden, dort, wo sie frei aus sich selbst leben, ein Einheitsdenken eigen, das Weltliches und Religiöses im gesamten Leben miteinander vereinbart, so daß Lebensbejahung und Weltzugewandtheit in einem tief im Religiösen verankerten Dasein eine widerspruchslose, natürliche Sinneinheit bilden. Ich möchte hinzufügen wie es im Grunde schon früh im heiligen Reich deutscher Nation zum Ausdruck kam.

Viele deutsche Denker, Dichter und Künstler, aber auch Politiker und Theologen haben in den letzten zwei- bis dreihundert Jahren einen besonderen Zugang zum Islam gefunden. Über den größten deutschen Dichter, Johann Wolfgang von Goethe, heißt es, daß seine zustimmenden Urteile über den Islam in ihrer Bekenntnishaftigkeit auch weit über alles hinausgehen, was je zuvor ein Autor in Deutschland zu diesem Thema zu äußern gewagt hat, und der sein Leben bewußt nach einer der Grundlehren des islamischen Glaubens ausgerichtet hat und seine Freunde ausdrücklich auf diese Lehre hinwies. Aber auch Herder, Kant und Heine, insbesondere einer der bedeutendsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts, Rainer Maria Rilke, sind zu nennen. Heute stehen namhafte deutsche Wissenschaftler in dieser Tradition. Namen wie Annemarie Schimmel, Josef van Ess, Fritz Steppert, Siegrid Hunke, Stefan Makowski, Hans-Fischer Barnicol und viele andere belegen das.

Und der bedeutendste deutsche Staatsmann des 19. Jahrhunderts, Reichskanzler Fürst Bismarck schreibt in einem Brief: Ich habe alle himmlischen Bücher, die in den verschiedenen Zeitabschnitten ... von Gott der Menschheit zur Leitung herabgeschickt worden sind, sorgfältig untersucht. Durch die Verfälschungen konnte ich die Weisheit, die ich suchte, nirgendwo finden. Aber der Koran ... ist frei von diesen erschwerenden Geboten. Ich habe den Koran von jeder Seite und auch auf jeden Punkt hin sorgfältig untersucht. In jedem seiner Worte habe ich eine große Weisheit gefunden. Daß man behauptet, dieses Buch sei von Mohammed geschrieben und das Erscheinen eines solchen Wunders könne von einem vollkommenen Gehirn gekommen sein, bedeutet, die Augen vor der Wahrheit zu schließen.(Makowski).

Der gebildete Deutsche steht dem Dialog mit dem Islam offen gegenüber, ist aber dennoch – und das gilt es zu bedenken – tief in der eigenen Zivilisation verwurzelt und an ihre Gewohnheiten und Traditionen gebunden. Seit jeher aber hat die kulturelle Verankerung der Deutschen im Gegensatz zu vielen anderen Völkern religiöse Aspekte. Es gehört zur deutschen Kultur, zur psychologischen und spirituellen Konstitution der Deutschen, im religiösen Erleben auf Vertiefung und Verinnerlichung bedacht zu sein, fern jeden Formalismus. Die innere Dynamik des Islam, seine Rationalität, seine Spiritualität, kommt der deutschen Mentalität sehr entgegen, ins besondere die Erkenntnis, daß Glaube und Wissenschaft keine Gegensätze sind, sondern sich ergänzen

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b) Islam und die Deutschen

Deutschland ist das Herz Europas und eine der führenden Industrienationen der Welt. Auf vielen Gebieten hat Deutschland auch heute noch eine führende Stellung inne und zeichnet sich durch eine besondere Kreativität aus.

Daher geht auch die Muslimbruderschaft davon aus, dass die künftige Erneuerungskraft des Islam besonders in Deutschland zu suchen ist.

Mit vier Thesen wird dies begründet:
  1. Deutschland als Zentrum Europas kann als europäische umm al-Qura betrachtet werden. Über umm al-Qura sprach der Erhabene: Aber dein Herr hätte die Städte nie zu Grunde gehen lassen, ohne vorher in deren Hauptstadt einen Gesandten auftreten zu lassen, der ihnen unsere Verse vorliest. (Sura 28:59)
  2. Zwischen Deutschland und der islamischen Welt bestehen keine Feindseligkeiten, aber auch keine Verbitterungen, hervorgerufen durch eine Kolonialherrschaft. Die guten Beziehungen zwischen Deutschland und der islamischen Welt gehen bis auf die Freundschaft zwischen Karl dem Großen und Harun ar-Rashid zurück.
  3. Deutschland besitzt ein bedeutendes wissenschaftliches Gewicht und gilt innerhalb der westlichen Welt als Wegbereiter neuer Ideen.
  4. Deutschland sucht gegenwärtig erneut seine Identität. Zwar hat das Land seine im Zweiten Weltkrieg zerstörten wirtschaftlichen Strukturen wieder aufgebaut, aber es leidet immer noch unter dem Gefühl der Niederlage. Der Islam kann Deutschland bei seiner Identitätssuche moralischen Beistand leisten.
Dem materiellen Wohlstand in Deutschland steht ein spirituelles und kulturelles Vakuum gegenüber, das in vielen Lebensbereichen schmerzlich spürbar ist.

Die Kirchen sind zur Zeit nicht mehr in der Lage, die geistigen und spirituellen Bedürfnisse der Deutschen zu befriedigen. Pro Jahr treten zwischen 300.000 und 400.000 Mitglieder aus ihren Kirchen aus. Und dieser Trend hält an. Wir bedauern das, denn es spricht sich leichter mit Menschen, die ebenfalls an Gott glauben, mit denen man schon eine gemeinsame Basis hat.

Aber: Die Deutschen suchen nach geistiger Führung und Sinnerfüllung. Letzte Umfragen bieten dafür eine Grundlage:

An Gott glauben 82% aller Deutschen, aber nur 12% der Deutschen meinen damit den von den christlichen Kirchen gepredigten Gott. An Schutzengel glauben 79% aller Deutschen. Nur noch 23% der jungen Katholiken und 17% der jüngeren Protestanten fühlen sich mit ihren Kirchen verbunden. Ihnen ist eine saubere Moral mit allgemeinen menschlichen Werten wie Vertrauen, Liebe, Treue, Ehrlichkeit wichtiger als Religion. Interessant auch die Werteskala dieser jungen Deutschen. Als wichtigste Erziehungsziele wurden genannt Verantwortungsgefühl (72%), gute Manieren (68%), Fleiß (64%), Durchsetzungsvermögen (63%), Achtung und Toleranz (57%), Geborgenheit (55%), Weltoffenheit (51%).

Hier nun müssen wir als Muslime ansetzen und in aufrichtiger Anteilnahme und Liebe zu den europäischen Menschen und durch das Zeugnis des Glaubens und das lebendige und persönliche Beispiel die Botschaft des Islam verkünden.

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c) Vertreter des Islam in Deutschland

Das Islambild des durchschnittlichen Deutschen orientiert sich am Beispiel der in Deutschland lebenden Muslime, vor allen dem der Türken. Zwei der drei großen Dachverbände sind ganz in türkischer Hand: DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V., Köln und Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, Berlin. In anderen europäischen Ländern hat der Islam ein ganz anderes Gesicht, die muslimische Bevölkerung stammt vorwiegend aus ehemaligen Kolonien.

Während es in Deutschland einige Vertreter des Euro-Islam gibt, der seine Wurzeln in die europäische Zivilisation treibt und sich nicht von ihr abgrenzt (Tibi), sprechen die Dachverbände (Vertreter von 10-15% der Muslime nach einigen Schätzungen, von 36% aller türkischen Muslime nach anderen Schätzungen) vor allem für die Orthodoxie. Dabei versuchen sie einen Alleinvertretungsanspruch gegenüber der Öffentlichkeit und den mehrheitlich gar nicht so orthodoxen Muslimen durchzusetzen (Tibi). Selbst über die Frage, ob der Islam in Deutschland sich darum bemühen sollten, ein Körperschaft des öffentlichen Rechts zu werden, ist innerislamisch noch lange nicht geklärt.

Viele die Gerichte beschäftigenden Forderungen führen, wenn sie erfüllt werden (wie das Schächten) eher zu Segregation als zur Integration, dessen müssen sich auch die deutschen Gerichte bewusst werden, die vor allem mit der Religionsfreiheit argumentieren. Sie ist ein hohes Verfassungsgut, muss sich aber am Gesamtzusammenhang des Grundgesetzes messen lassen (Lemmen). Außerdem muss das Verhältnis des Grundrechts zum allgemeinen Recht neu definiert werden. Wenn durch einfaches Recht geschützte Belange dauernd hinter dem Anspruch auf Religionsfreiheit zurückstehen müssen, werden Ausnahmezustände geschaffen, die auf Dauer schwerlich eine gesellschaftliche Akzeptanz finden können. Viele Fragen, die heute zu juristischen Auseinandersetzungen werden, sollten eigentlich im Rahmen einer breiten gesellschaftlichen Debatte geklärt werden. Hier ist wieder auf den mangelnden Erfolg des Dialoges hinzuweisen, der viele der heute vor Gericht verhandelten Fälle ja schon seit 30 Jahren immer wieder thematisiert, nicht aber gelöst hat.

Tibi fordert deshalb von der deutschen Seite eine konsequentere Trennung von Staat und Kirche, dadurch könnte sie eher eine Position der Stärke entwickeln, die Integrationswilligen eine echte Perspektive als Staatsbürger mit islamischer Identität gibt, fundamentalistischen Gruppen gegenüber aber kompromisslos bleibt.

Nach neuesten Untersuchungen des Essener Zentrums für Türkeistudien befindet sich das Islam-Verständnis der in Europa lebenden Muslime derzeit in einem starken Wandel: Vieles scheint sich in Richtung Euro-Islam (Trennung von Staat und Kirche, Vereinbarkeit islamischer Lebensweisen mit den Normen der Industriegesellschaft) zu entwickeln, allerdings ist er noch nicht Realität.

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5. Zukunftsperspektiven, Aufgaben, Kritik

Etwa ¼ der Weltbevölkerung sind Muslime.

Die beiden wichtigsten Fragen, die heute im Zusammenhang mit dem Islam gestellt werden, sind weniger religiös als sozialpolitisch: Was kann man heute angesichts der gespannten Weltlage, zu der viele Länder mit überwiegend muslimischer Bevölkerung beitragen, tun? Wie kann man das Zusammenleben in Deutschland, wo immer noch seitens einiger Muslime gegen die dekadente Gesellschaft aufgewiegelt wird, verbessern?

Einige unserer Besucher kommen sehr gut vorbereitet zu uns und versuchen nachzuweisen, dass Muhammad aus machtpolitischen Gründen, weise in Anlehnung an die Bibel, den Koran erfunden hat. Wäre also christliche Mission in muslimischen Ländern eine Lösung? Wer so denkt, darf nicht vor der Frage zurückweichen, warum eine Parodie der Offenbarung in psychologischen, kulturellen und historischen Resultaten gipfelt, die vergleichbar, wenn nicht identisch sind mit denen der echten Offenbarung (Arkoun, Comment lire le Coran).

Weder konnten die Kolonialmächte den Islam ausrotten, noch haben Versuche muslimischer Regenten, den Menschen von oben eine westliche Gesetzgebung und Regierung aufzuzwingen, gefruchtet. Solche Versuche gab es im letzten Jahrhundert in Afghanistan, im Iran und in der Türkei. Sie entbehrten jeglicher soziokulturellen Grundlage und sind an der eigenen Bevölkerung gescheitert.

Die Hauptaufgabe der Muslime in diesem Jahrhundert, die viele Denker schon in Angriff genommen haben lautet: Sie müssen sich nicht vom Glauben, nicht vom Koran, wohl aber von seinen Buchstaben lösen, um in seinem Geist Lösungen für die Probleme von heute zu finden. Es hat immer Reformer im Islam gegeben, es gibt sie heute noch, auch wenn ihnen die Arbeit in einigen Ländern schwer gemacht wird. Die Muslime müssen ihren eigenen Weg finden. Dazu brauchen sie aber Unterstützung. Man muss ihnen Selbstbewusstsein geben, indem man sich mit ihnen vorurteilslos auseinandersetzt, damit sie sich nicht mehr nur durch die Opposition zum Westen definieren, und man muss die noch leisen Stimmen in der innerislamischen Debatte hörbar machen.

Dieses Wirken, Aufklärung im Westen, die zur Anerkennung dessen führen kann, was in den islamischen Gesellschaften an Positivem ist (Er füllt in beträchtlichem Maße die Lücken in bezug auf alles, was mit Formen sozialer Solidarität unter den benachteiligten, an den Rand gedrängten, das Land verlassenden, kurz den aus der modernen Entwicklung ausgeschlossenen Bevölkerungsschichten zu tun hat (Arkoun)), und Aufklärung der Muslime, die sie das ganze Potenzial ihres Glaubens wiederentdecken lässt, sind die Hauptziele unseres Institutes.

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6. Projektionen

Denkanstöße von Mohammed Arkoun:

So kommt es, dass imaginären Konfrontationen mehr Platz eingeräumt wird als einer historischen, anthropologischen und philosophischen Klärung der Streitpunkte, die sich seit Jahrhunderten sowohl zwischen den drei monotheistischen Religionen als auch zwischen den Religionen auf der einen und der Moderne auf der anderen Seite angehäuft haben.

An dieser Stelle kann man Wesen und Funktionsweise der westlichen Medien beobachten: Sie übertragen ohne eine kritischen Intervention durch die Sozialwissenschaften die monolithische, fundamentalistische Sicht vom Islam, die das muslimische Imaginäre von heute dominiert, auf einen dem sozialen Imaginären der westlichen Länder genehmen Diskurs. Beiden Seiten fehlt es an einer kritischen Haltung; der Raum der wechselseitigen Wahrnehmung wird daher zum Schauplatz der Konfrontation von zwei Vorstellungsweisen, die durch die Missverständnisse, die sich auf beiden Seiten angehäuft haben, überempfindlich geworden sind.

Die Verwechslung des Islam als Religion mit dem Islam als historischem Rahmen für die Entfaltung einer Kultur und Zivilisation hat sich bis heute erhalten und ist überdies noch komplexer geworden. Es führt jedoch kein Weg daran vorbei, auch diese Gesellschaften als Gesellschaften zu untersuchen, genau wie man dies mit der französischen, deutschen, belgischen, US-amerikanischen oder polnischen Gesellschaft tut
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a) Frau im Islam

Die Stellung der Frau im Islam ist ein komplexes Thema. Sie variiert von Land zu Land und innerhalb der einzelnen Länder spielen Bildungsstand und das Stadt-Land-Gefälle eine wichtige Rolle. Viele, die Frau betreffenden Einstellungen und Verhaltensweisen sind nur zum Teil religiös bedingt. Mannigfache kulturelle Faktoren und auch Überbleibsel eines vorislamischen Gewohnheitsrechtes sind für eine Gesamtbeurteilung mit ausschlaggebend.

Durch den ganzen Koran zieht sich als ein roter Faden die Gleichstellung von Frauen und Männern, mit gleichen Verpflichtungen und gleichen Rechten. Der Islam verbesserte im Vergleich zum vorislamischen Arabien die Stellung der Frau in vielerlei Hinsicht. Hauptanliegen des Koran war es, in einer Zeit, in der nicht nur auf der arabischen Halbinsel, sondern in nahezu allen Kulturen, die Entrechtung der Frau die vorherrschende gesellschaftliche Tendenz war, der Frau eine gleichwertige Stellung einzuräumen. Bezeichnend dafür ist das koranische Verbot, weibliche Neugeborene zu töten oder auszusetzen. Die Frau ist tatsächlich in religiösen Rechten und Pflichten dem Manne gleichrangig. Beide sind Stellvertreter (Khalifa) Gottes auf Erden und für ihr Tun verantwortlich:

"Ich werde keine Handlung unbelohnt lassen, die einer von Euch begeht, gleichviel ob es sich um Mann oder Frau handelt."( 3:195). "Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind untereinander Freunde. Sie gebieten, was recht ist, verbieten, was verwerflich ist, verrichten das Gebet, leisten die Pflichtabgabe und gehorchen Gott und seinem Gesandten. Ihrer wird sich Gott dereinst erbarmen..." 9:71)

Mann und Frau in ihrer Komplementarität schaffen die Einheit des Menschen neu, und in der Tat ist die sexuelle Vereinigung eine irdische Abspiegelung der paradiesischen Ekstase.

Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist im Islam nur biologischer Natur. Er ist nicht einmal nur psychologisch oder spirituell. Er hat seine Wurzeln in der göttlichen Natur selbst, wobei der Mann die Absolutheit des Göttlichen und die Frau deren Unendlichkeit widerspiegelt. Wie das der Welt zugewandte Antlitz Gottes mit männlichen Attributen belegt wird, so wird seine innere Unendlichkeit durch Weibliches symbolisiert, wie es seine Gnade und seine Weisheit sind.

Der Islam bestimmt die Stellung des Individuums stärker auf seine Einbindung in die Gemeinschaft. Als kleinste Einheit dieser Gemeinschaft kommt der Familie eine besondere Bedeutung zu. Nicht im Sinne der Kleinfamilie westlicher Prägung, sondern als Verband der verwandtschaftliche verbundenen Großfamilie. Für diese Verantwortung ergibt sich eine gewisse Vormachtstellung des Mannes. Er muß sich um die Familie finanziell kümmern, der Frau einen Lebensstandard bieten, den sie von zu Hause aus gewohnt ist, uns sich auch unverheirateter Verwandter annehmen. Die Frau hingegen, die uneingeschränkt und selbständig über ihr Eigentum verfügen kann, ist nicht verpflichtet, etwas beizusteuern.

Die Verpflichtung des Mannes fasst Sure 4, Vers 34 zusammen: "Männer sind verantwortlich für die Frauen". Diese Verantwortung wird sodann begründet: "Dadurch dass Gott die einen von ihnen den anderen gegenüber mit Vorzügen ausgestattet hat und dadurch, daß die Männer von ihrem Vermögen für die Lebensbelange der Frauen aufkommen..".

Nach koranischem Verständnis hat der Mann kein Recht, der Frau Befehle zu erteilen, außer in religiösen Angelegenheiten. Andererseits hat auch die Frau die Verpflichtung, ihren Mann bei religiösen Verfehlungen zurechtzuweisen. Mit Ausnahme des Rechts auf sexuelle Beziehungen darf der Mann von der Frau rechtlich nichts verlangen. Sie darf hingegen für Dienstleistungen, sogar für das Stillen des gemeinsamen Kindes vom Mann Geld verlangen.

Trotz der im Koran verankerten Bestimmungen, die eindeutig eine rechtliche und moralische Besserstellung der Frau gewährleisten, gibt es auch Verse, die eine Benachteiligung und Unterordnung begründen: "Und wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie Euch dann wieder gehorchen, dann unternehmt weiter nichts gegen sie..." (4:43)

Die auch unter Muslimen verbreitete Rechtfertigung von Tätlichkeiten gegenüber der Frau widerspricht insgesamt dem Grundanliegen des Koran. Ebenso passt sie nicht zum Persönlichkeitsbild Muhammads, der zu seinen Frauen im Allgemeinen eine milde, freundliche und liebevolle Stellung einnahm.

Hier sei mir ein Einschub erlaubt: Der Muslim hat grundsätzlich die Aufgabe, ja die Pflicht, gegenüber jeder Vorschrift sich zu fragen, welches das angestrebte Ziel war, als sie formuliert wurde und welches die historischen Umstände, die sie in einer Welt, die sich jeden Tag neu manifestiert, notwendig machten. "Diese Historizität des Korans" schreibt Roger Garaudi, "ist nirgends deutlicher als in den Texten, die die Frauen betreffen. Der Koran spricht zu den Völkern in ihrer Sprache und auf dem Niveau ihres Verständnisses, damit die Botschaft gehört und Verstanden wird. Er richtet sich an Araber des 7. Jahrhunderts, das heißt, an eine Gesellschaft, die zu der patriarchalen Tradition des Mittleren Ostens gehörte, der des Geschlechts der Hebräer, die die grundlegende Minderwertigkeit der Frau meint. Der des stark frauenfeindlichen paulinischen Christentums, der arabischen Halbinsel mit ihrer tribalen Herrschaft des Männlichen". Graudi meint dann, damit die Botschaft in die Sprache dieses Volkes mit dieser viertausendjährigen patriarchalen Tradition einfließen kann, dass es notwendig ist, dass tausendjährige Postulat zu akzeptieren.... "Und den Frauen stehen in angemessener Weise die gleichen Rechte (wie den Männern) zu, doch haben die Männer in dieser Hinsicht das letzte Wort..." (Sure 2:228).

In der Ehe stellt sich auf der ganzen Welt das Problem, wie zu verfahren ist, wenn sich die Ehegatten in Einzelpunkten uneinig sind. In solchen Fällen ist eine Mehrheitsentscheidung nicht möglich. Daher bleiben nur zwei Lösungswege: Entweder man gibt einem der beiden Partner generell oder für bestimmte Sachgebiete das größere Entscheidungsgewicht – dies ist die islamische Lösung -, oder aber man trägt den Streit über den Rahmen der Familie hinaus – in die Sippe, das Standesamt oder das Gericht. Dies ist der westliche Weg geworden, mit dem absurden Ergebnis, dass ein Standesbeamter im Namensrecht durch Würfeln (!) entscheiden kann, worüber sich Ehegatten nicht einig sind.

Der Islam hat eindeutig dafür optiert, dass Fragen, welche die Familienführung betreffen, in der Familie zu entscheiden sind, und dabei in der Regel dem Votum des Ehemanns den Ausschlag gegeben: "Die Ehemänner stehen den Frauen in Verantwortung vor"

Dies bezieht sich nicht auf Fragen der Kleinkindbetreuung und auch nicht auf das Vermögen der Frau. In dieser Hinsicht genoss die Muslima schon seit 1400 Jahren die Vorteile der Gütertrennung, während die deutsche Frau erst Mitte des 20. Jahrhunderts dank des Eingreifens des Bundesverfassungsgerichtes von der Verwaltung ihres Vermögens durch den Mann befreit wurde.

Die Offenbarung bezüglich der Polygamie hat einen sozialen Hintergrund. In mehreren Schlachten haben die Männer einen hohen Blutzoll zu zahlen gehabt und um die Frauen und deren Kinder zu versorgen, wurde der Vers bezüglich der Polygamie gebracht. Sie wurde zugleich so reglementiert, dass sie tatsächlich wenig praktikabel ist. Voraussetzung dafür, mehrere Frauen zu heiraten, ist, dass der Mann sie völlig gleichbehandeln muß. Kann er das nicht oder ist er sich nicht sicher, es zu können, dann soll er nur eine Frau heiraten.

Die Aufregung des Westens in diesem Punkt ist etwas scheinheilig. Wie viele Männer haben im Westen nur eine einzige Frau gekannt? Wie viele Männer und Frauen haben neben der Ehe Beziehungen mit dem anderen Geschlecht?

Heute gibt es nur noch ganz wenige Muslime, die mehrere Frauen geheiratet haben. Man muß diese koranische Restriktion der Polygamie aber auch in ihrem historischen und theologischen Kontext sehen. Polygamie war im alten Testament ohne jegliche Einschränkung zugelassen und so werden der Harem Davids und die 700 Frauen Salomons, ohne die 300 Konkubinen zu zählen, beschworen. Zur Zeit Karl des Großen, also zwei Jahrhunderte nach der koranischen Offenbarung, waren Priester polygam und erst unter Gregor dem 7. (1020–1087) wurde dem Klerus der Zölibat auferlegt.

Seit der Zeit des Propheten hat die Frau das Recht auf Scheidung. Nachdem eine Frau Muhammads, Umaima, den Propheten um Scheidung bat, wurde sie ihr nicht nur gewährt, sondern er verabschiedete sie gar noch mit Geschenken. Der Frau im Westen wurde das Recht auf Scheidung erst im 20. Jahrhundert zugebilligt, ebenso das Recht auf ihren eigenen Besitz.

Durch den ganzen Koran zieht sich als ein roter Faden die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, mit gleichen Verpflichtungen und gleichen Rechten. Ich möchte einige der diesbezüglichen Kornstellen zitieren:

Sure 3: 124: "Wer aber rechtes tut, sei es Mann oder Frau und gläubig ist, jene sollen ins Paradies eingehen und nicht um eine Rille des Dattelkerns Unrecht erleiden ..." Oder Sure 16: 97: "Wer das rechte tut und gläubig ist, sei es Mann oder Frau, dem werden wir en gutes Leben geben...", Oder Sure 40:40: "Wer Böses getan hat, dem wir nur mit gleichem vergolten werden, wer aber das Rechte getan hat, sei es Mann oder Frau und Gläubig ist, diejenigen werden in das Paradies eintreten..." Und noch ein letztes Beispiel in Sure 57:18: "Die Männer, die spenden und die Frauen die spenden ...."

Grundsätzlich also bestätigt der Koran die völlige Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, das heißt, daß Frauen in allen Lebensbereichen zur Zeit des Propheten und ein paar hundert Jahre danach eine bedeutende Rolle spielten. Sie waren politisch tätig, theologisch, sie konnten ihre eigenen Geschäfte haben und sonstige Ämter bekleiden. Annemarie Schimmel hebt besonders den Anteil der Frauen in Literatur und Kunst hervor.

Dann stoßen wir jedoch auf einen Koranvers in der 4. Sure, der immer wieder Anstoß erregt: "Die Männer sind die Verantwortlichen für die Frauen, weil Gott den einen von ihnen mit mehr Vorzügen ausgestattet hat als die anderen und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Darum sind tugendhafte Frauen jene, die demütig ergeben sind, die in Abwesenheit das bewahren, was Gott ihnen zu bewahren aufgab, und jene von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, ermahnt sie, haltet euch fern von ihren Liegestätten und straft sie. Und wenn sie auch wieder gehorchen, dann trachtet nach keinem anderen Mittel gegen sie..."

Dr. Murad Hofmann, der prominenteste deutsche Muslim, früherer Botschafter Deutschlands in Marokko und Algerien, deutet das so, daß der Mann diese Aufgabe hat, wenn – und so lange – er der Frau Schutz gewähren kann aufgrund seiner vermuteten physischen und psychischen Besonderheit und seiner finanziellen Leistungsfähigkeit. Ein genereller Vorrang des Mannes ist daraus nicht abzuleiten Und die Bestrafung soll auch nur auf symbolische Weise erfolgen im Interesse der Aufrechterhaltung einer stark gefährdeten Ehe.

Und Adel Theodor Kury definiert Vers 34 so: "Die Männer haben Vollmacht und Verantwortung gegenüber den Frauen (sie stehen über den Frauen mit der ihnen verliehenen Vollmacht, welche verbunden ist mit der Pflicht, Verantwortung für sie zu übernehmen), weil Gott die einen vor den anderen bevorzugt hat (und zwar im Hinblick auf die natürlichen Begabungen und auf die durch das religiöse Gesetz festgelegten Vorrechte)...

Wichtig ist aber zu wissen, daß der Prophet selbst diese Offenbarung abgelehnt hat und selbst die Frauen ganz besonders geschätzt hat. Eines der echten Hadithe lautet: Die ganze Welt ist eine erfreuliche Einrichtung. Das Erfreulichste in ihr aber ist eine rechtschaffene Frau". Ein anderes Hadith sagt, daß derjenige seine Frau liebt und am besten behandelt, auch der beste Gläubige sei.

Nicht die Familie, sondern die Frau erhält das Brautgeld, und sie kann über ihren Besitz frei verfügen: "Den Männern steht ein bestimmter Anteil zu, von dem, was sie erworben haben; ebenso den Frauen" (4:32). Das Gleiche gilt für das Erbrecht. Ferner legt der Koran Bedingungen für Ehe und Scheidung fest, die als erlaubt, aber als verpönt gilt. Auch von einer Verführung Adams durch Eva ist im Koran nicht die Rede. Im Gegenteil: Nach Sure 20:120 flüstert Satan Adam ein: "O Adam, soll ich dich auf den Baum der Ewigkeit hinweisen".

Bevor ich im einzelnen darauf eingehe, möchte ich hervorheben, daß der Koran im 7. Jahrhundert einer Gesellschaft offenbart wurde, in der vieles zum Argen stand. Die Vielweiberei war Gang und Gäbe, eine sich auf Ethik gründende Moral war unbekannt, Mädchen wurden als minderwertig angesehen und oft nach der Geburt getötet. Dieser Situation mußte Gott natürlich Rechnung tragen und seine Offenbarungen so zu uns niedersenden, daß sie von diesen Menschen auch verstanden wurden.

Nach dem Koran ist das Tragen des Kopftuches eine rein gesellschaftliche Formsache und hat überhaupt keinen Glaubenshintergrund. Dass überall herrschende Patriarchat hat draus dann eine religiöse Geschichte gemacht und zwingt, völlig gegen den Sinn des Koran die Frauen, sich mehr oder weniger zu verschleiern. Für mich ist es völlig unverständlich, dass beide Seiten, einmal die Muslime in Deutschland, zum anderen aber auch die amtlichen Stellen eine solche Nebensache zu einer Art Hauptsache machen. Ich komme darauf später noch zurück.

Wie sieht es demgegenüber in der christlichen Welt aus? Vor hundert Jahren schrieb August Bebel: "Dem gemeinen deutschen Rechte nach ist die Frau überall dem Manne gegenüber unmündig, der Mann ist der Herr, dem sie in der Ehe gehorsam schuldig ist. Ist sie ungehorsam so steht nach dem preußischen Landrecht dem Manne von niederem Stande das Recht einer mäßigen körperlichen Züchtigung der Frau zu.... Da nirgends die Kraft und die Zahl der Schläge vorgeschrieben ist, entscheidet darüber souverän der Mann".

Und heute? Jährlich fliehen in Deutschland rund 40.000 Frauen mit ihren Kindern vor ihren Männern in Frauenhäuser. Jede 5. Frau in Deutschland wurde schon einmal sexuell genötigt. Dem sexuellen Mißbrauch von Mädchen fallen jährlich über 80.000 im Alter von 2 – 14 Jahren zum Opfer. Eine Untersuchung der Freiburger Universität ergab, daß jede zweite Studentin schon einmal sexuell belästigt wurde.

Die Polizeiinspektion Celle bietet einen Selbstbehauptungstraining an unter dem Motto: Wege aus der Gewalt.

Die Frauenfeindlichkeit im Westen, die Unterminierung ihrer Stellung gegenüber dem Mann geht auf Paulus zurück. Im Korinther-Brief heißt es in 11:3 "Ich lasse euch aber wissen, daß Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt; der Mann aber ist des Weibes Haupt;" oder ein paar Verse weiter: "Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz. Die Frau aber ist des Mannes Abglanz." Und dann in 4:34 "Wie in allen Gemeinden der Heiligen lasset die Frauen schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, daß sie reden, sie sollen sich unterordnen wie auch das Gesetz sagt..." Im Timoteus-Brief schreibt Paulus 2:11 "Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung" und Vers 12: "Einer Frau gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht, daß sie sich über den Mann erhebe, sondern sie sei stille." In Petrus im ersten Brief wie auch im Epheser-Brief wird dekretiert, daß die Frauen ihren Männern untertan sein sollen als ihrem Herrn.

Aber, so Paulus, am besten ist es für den Mann, keine Frau zu berühren.

Ganz anders war jedoch die Haltung Jesu gegenüber den Frauen und der Sexualität.

Das Problem für die Kirchen liegt einfach darin, daß sie der Theologie des Paulus folgten und nicht der eigentlichen Lehre Jesu, die wir heute sehr gut rekonstruiert durch die historisch kritische Methode vorliegen haben. Er verwehrt es den Frauen nicht, daß sie ihn gegen die Sitte seiner Zeit begleiten und auch für seinen Unterhalt sorgen. Er läßt eine Ehebrecherin nicht steinigen und eine Prostituierte sich zu seinen Füßen ausweinen. Auch denkt er in seiner Lehre an die Frauen, ihren Alltag, das Bereiten des Brotes, die Schmerzen und Freuden der Geburt, alles das wird ihm zu einem Bild religiöser Erfahrung.

Es gibt auch eine Art islamischen Feminismus. Doch sind die Probleme andere als im Westen, die Frauen stellen dort auch ganz andere Forderungen. Allerdings ist den meisten Reformerinnen eins gemein: Sie wollen Veränderungen erreichen durch eine frauenfreundlichere Koran-Auslegung. Sie halten es nicht für nötig, sich vom Glauben abwenden zu müssen, um ihre Position als Frau zu verbessern.

Kopftuch

Es lässt sich nicht immer leicht unterscheiden zwischen Glauben und Ideologie: Ist das Kopftuch religiöses Symbol oder Flagge der Islamisten?

 
b) Fundamentalismus

Fundamentalisten gibt es in allen Religionen, also Gläubige, die mit der Entwicklung ihrer Religion nicht einverstanden sind und zurück zu ihren Wurzeln möchten. Für viele Katholiken ist selbst Johannes Paul der 2. ein Fundamentalist, ich hatte Freunde, die auch in dem Bischof Düba in Fulda einen Fundamentalisten sahen. Sicherlich kann man auch Martin Luther dazu zählen.

Wie auch Gudrun Krämer, Professorin für Islamwissenschaften an der FU in Berlin ziehe ich den Begriff Islamist vor. Gudrun Krämer hat das sehr schön formuliert: Islamismus hat viel mit der Abwehr bestimmter westlicher Normen und Werte zu tun, und noch mehr mit der Abwehr westlicher Dominanz. Er geht aber nicht in ihr auf. Die islamistische Strömung gilt allgemein als Protestbewegung breiter gesellschaftlicher Schichten, namentlich einer nach Orientierung, Sicherheit, Selbstachtung und Anerkennung strebenden jungen Generation gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen kulturelle Entfremdung und kollektive Ohnmacht. Das Streben nach Selbstbehauptung, nach Wahrung oder Wiedergewinnung einer eigenständigen islamisch bestimmten Identität spielte und spielt in diesem Zusammenhang eine tragende Rolle... Man muss aber sehen, dass sich die Kritik der Islamisten keineswegs allein auf den Westen beschränkt. Sie richtet sich ganz entschieden auch gegen die eigenen Eliten, die nach Erlangung der Unabhängigkeit an die Macht kamen und diese Macht vielfach gegen das eigene Volk ausgenutzt haben.

So denkt man zwar an die Einführung einer demokratischen Staatsform, wobei aber die verkommenen westlichen Demokratien kein Vorbild sein können. Es gilt also, eine demokratische Staatsform zu finden oder zu entwickeln, die den besonderen Gegebenheiten dieser Völker Rechnung trägt.

Der desolate Zustand der Welt erfordert aus ihrer Sicht gesellschaftliche Reformen und kollektive Stärke und die kann nur aus dem Islam erwachsen. Der Islam aber muss seinerseits von den Irrungen, Verfälschungen und Neuerungen gereinigt werden, die sich im Laufe der Jahrhunderte gewissermaßen auf ihm abgelagert und seinen Geist beinahe erstickt haben.

Die Islamisten wollen zwar einen islamisch geprägten Staat, aber sie möchten ihn ohne Gewaltanwendung verwirklichen.

 
c) Scharia

Die Scharia wird im Westen gleichgesetzt mit Handabhacken für Diebstahl, Steinigung für Ehebruch und die völlige Ausgrenzung der Frau aus der Gesellschaft. Das kommt uns zu Recht mittelalterlich vor. Fanatische Regime benutzen den Begriff Scharia in dem Sinne, und da ihre Stimme bei uns viel Raum in den Medien bekommt, ist unser Bild davon geprägt.

Das Wort Scharia kommt aus dem Beduinischen und bedeutet ursprünglich der Weg zum Wasser, zur Quelle. Übertragen ist die Scharia der ewige und universelle moralische Weg, den auch die anderen Propheten, z.B. die der Bibel, gewiesen haben. Es ist durchaus wünschenswert, wenn man das eigene Handeln nach moralischen Kriterien ausrichtet. Scharia heißt nicht Recht. Rechtliche Vorschriften gibt es im Koran auch, aber sie nehmen wenig Platz ein:

Der Koran hat 6.236 Verse; nur 228 entfallen auf rechtliche Vorschriften, von denen 70 die Familie betreffen, 70 das bürgerliche Recht, 13 die Rechtsprechung und das Prozedere, 10 das Verfassungsrecht, 10 die Wirtschafts- und Finanzordnung, 25 die internationalen Beziehungen und 30 das Strafrecht.

Insgesamt 4% des Korans widmen sich dem Recht und 0,7% der Strafe, während fast der gesamte Koran von Glaube und Moral handelt, vom "rechten Weg", d.h. Zielen, die zu verfolgen sind, um den Willen Gottes zu erfüllen.

Das, was Scharia wirklich ist, findet sich nicht in einer Sure zusammengefasst unter dem Titel Scharia, wie etwa die 10 Gebote in der Bibel. Die moralischen Prinzipien leiten sich aus dem gesamten Koran hervor.

Das Problem der islamischen Gesellschaft ist nun dies, dass sie nach ihrer Größe irgendwann einem übermächtigen Westen gegenüberstand. Um dem wirksam zu begegnen fordern viele Muslime eine Rückkehr zu den Quellen. Dabei gehen sie aber zurück zur Gesetzgebung aus dem 7. Jahrhundert, nicht aber zu den Prinzipien, die den Islam seinerzeit stark gemacht haben: die Idschtihad zum Beispiel, das ist die Bemühung um eigene Meinungsbildung und freie Auslegung des koranischen Textes oder die al-maslaha. Das bedeutet, dass alles, was im Interesse der Bewahrung der Religion, des Schutzes des Lebens, der Förderung des Geistes, der Erhaltung der Nachkommenschaft und Bewahrens des Besitztums der Muslime ist, eine gesetzgeberische Kraft besitzt, al-maslaha ist somit bereits Anlass zur neuen Gesetzgebung, Anlaß zur freien Handhabung bezüglich der Anwendung der bestehenden Gesetze... Ein dirttes Prinzip ist ruh at-tasri, d.h. Geist der Gesetzgebung. Dabei werden Geist und Buchstaben des Gesetzestextes gegenübergestellt, um den Beweggrund der jeweiligen Gesetzgebung herauszufinden.

Die Scharia gibt also nur leitende Prinzipien für die unausweichliche Suche nach einem für die jeweilige Zeit sinnvollen Gesetzgebung an die Hand, nicht aber immer gültige Gesetze und Strafen. Ich würde das mal mit dem Grundgesetz vergleichen, auf dem unsere Ganze Gesetzgebung aufbaut.

Aber wenn heute ein muslimischer Staat die Scharia wieder einführen will, beginnt er meistens mit einer mehr oder weniger buchstabengetreuen Integration der wenigen rechtlichen Vorschriften, besonders der strafrechtlichen, in seine Gesetzgebung. Dabei werden sie vom koranischen Kontext, der eine globale Vision des Lebens und unseres Verhaltens zeichnet, herausgelöst.

Es ist zweifelsohne absolut notwendig, einen radikalen Bruch mit den Gesetzgebungen (hauptsächlich den englischen und französischen) aus der Kolonialzeit herbeizuführen. Sie sind nämlich aus Vorstellungen von der Welt und dem Menschen entstanden, die für eine islamische Gesellschaft inakzeptabel sind. Dafür gibt es einen wichtigen Grund: Sie lassen die transzendente Dimension des Menschen unberücksichtigt und begnügen sich damit, die Rivalitäten einer individualistischen Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, einzudämmen oder zu kanalisieren.

Aber die unausweichliche Veränderung kann nicht stattfinden, wenn diese Gesetze durch eine buchstabentreue und bruchstückhafte Anwendung einer anderen Gesetzgebung ersetzt werden, die der Verwirklichung der von Gott gezeigten Ziele unter den historischen Bedingungen der arabischen Welt von vor tausend Jahren dienten.

Was heute allgemein als Islamismus bezeichnet wird, ist eine Krankheit des Islam, die darin besteht, die Scharia (den ewigen und universellen moralischen Weg, den alle Propheten im Namen Gottes geebnet haben) mit der Gesetzgebung einer bestimmten Zeit, die von der Scharia inspiriert sein sollte, zu verwechseln.

Ein Symptom dieser Krankheit äußert sich darin, ein Strafgesetz aus dem 7. Jahrhundert (Handabhacken für Diebstahl oder Geißelung für Ehebruch, die Juristen fügen dem, entgegen den Koran, im Namen einer Tradition die Steinigung bis zum Tode hinzu!) anwenden zu wollen. Es äußert sich darin, für Eheschließung, Scheidung und Erbschaft das Zivilrecht und den persönlichen Status, die den historischen Bedingungen des 7. Jahrhunderts entsprechen, anwenden zu wollen.

Das Hauptleiden des Islam ist heute der Anspruch, die Scharia anzuwenden, indem man die im Koran definierte Scharia mit dem Fiqh verwechselt, d.h. mit den menschlichen Anwendungen, die im Laufe der Geschichte daraus abgeleitet wurden, indem man die göttliche Scharia mit den Interpretationen der mehr oder weniger vom Druck der Gewalten vernebelten Juristen verwechselt. Auch wenn er absolut Recht hat in seiner Ablehnung gegenüber der Dekadenz des Westens und der Scheinheiligkeit seines Rechts, in seiner Ablehnung gegenüber allen Folgeerscheinungen des Kolonialismus und der Kollaboration mit dem Monotheismus des Marktes, den die Vereinigten Staaten und ihre Vasallen im Westen durch die Diktate des F.M.I. aufzwingen wollen, so bleibt der Islamismus doch gelähmt, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten.

Dabei gibt uns die koranische Scharia leitende Prinzipien für die unausweichliche Suche nach Mitteln für eine andere Modernität als die des Westens an die Hand.

Jeder von uns ist persönlich dafür verantwortlich, an dieser Suche teilzunehmen, um zur Lösung der Probleme unserer Zeit beizutragen. Die großen Juristen der Vergangenheit können uns als Beispiel dienen: Sie unternahmen die nötige Anstrengung (Ijtihad), um die Probleme ihrer Zeit zu lösen. Und der aller erste Schritt sollte der von einer Gesellschaft, die auf den Profit (Monotheismus des Marktes) gegründet ist und von den Islamisten abgelehnt wird, zu einer Gesellschaft, die sich auf Werte gründet (die nicht Handelswerte sind), sein.

Hier sei mir ein Einschub erlaubt: Der Muslim hat grundsätzlich die Aufgabe, ja die Pflicht, gegenüber jeder Vorschrift sich zu fragen, welches das angestrebte Ziel war, als sie formuliert wurde und welches die historischen Umstände, die sie in einer Welt, die sich jeden Tag neu manifestiert, notwendig machten.

  d) Dschihad, Terror

Für die Begriffe Islamismus, Fundamentalismus und Extremismus gibt es meines Wissens noch keine allgemeingültige Definition.

Ein islamischer Extremist ist in meinen Augen ein Muslim, der sich über die Gebote des Koran hinwegsetzt und den Islam für politische Zwecke instrumentiert. Die Religion ist hier nur vorgeschoben als ein Grund und zugleich als eine Rechtfertigung vor sich selbst und anderen für Taten, die bis ihn zu terroristischen Akten gehen können.

Der Terror ist ein weltweites Problem, und dieses Thema sollte in dem Forum behandelt erden, das dafür am ehesten in Frage kommt, nämlich der UN. Schröder hätte dem amerikanischen Volk unser uneingeschränktes Mitgefühl übermitteln können und sich dann bereit erklären, die Bekämpfung des Terrorismus uneingeschränkt zu unterstützen.

Die arabische Sprache kennt sogenannte Wortfamilien, die von bestimmten "Stammvokalen" ausgehen. Die Konsonanten S – L – M sind die Stammvokale, die alle Worte im Bereich der Religion des Islam zusammenhalten. Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Dr. Nadeem Elyas schreibt dazu: "Der Islam ist die Religion des Friedens schlechthin. Denn das Wort Islam trägt in sich das Stammwort Salima (Heil bleiben oder heil werden) und dieses Wort sehen wir wieder in dem Wort Silm (Friedfertigkeit) in dem Wort Salam (Friede) und in dem Wort Iscislam (Unterwerfung und Hingabe). Das Wort Islam beinhaltet alle diese Bedeutungen und Aspekte." Der Begriff Friede kommt im Koran mehr als fünfzigmal vor. Der Gesandte Gottes betete jeden Tag: "O Gott, Du bist der Friede, von Dir kommt der Friede, so laß uns in Frieden leben...."

Wir sollten vielleicht noch einen weiteren Schritt zurückgehen und festhalten, daß hinter der Mehrzahl der arabischen Länder zwischen 50 und 70 Jahren einer zum Teil brutalen Kolonialzeit liegen. 1830 wird Algerien französisch, 1881 Tunesien, 1912 Marokko. 1881 besetzten die Engländer Ägypten, und die Italiener machten im Jahre 1912 Libyen zur Kolonie. Aden an der Südspitze der Arabischen Halbinsel war bereits 1839 eine britische Kolonie, es folgten Bahrain 1881, Oman 1882, Kuwait 1899. 1918, nach dem ersten Weltkrieg, wurden dann auch Irak und Syrien "kolonisiert". Dank ihrer sicheren Vormachtstellung konnten Groß Britannien und Frankreich bis 1939 die Kontrolle über den Handel und die Produktion der ganzen Region ausdehnen.

Der Einfluss des Westens brachte den Arabern fremde Werte, fremde Sprachen, missionarische Aktivitäten und den Versuch, die eigene Kultur dieser Länder zu unterdrücken.

Eine Niederlage hinterlässt immer tiefe Spuren in der menschlichen Seele als ein Sieg. Das Erlebnis, der Willkür eines anderen ausgeliefert zu sein, ist eine traumatische Erfahrung, die durchaus Zweifel an der Weltordnung aufkommen lassen kann. Die Missachtung vor allem ihrer religiösen Identität durch die Kolonialherren haben die Araber bis heute nicht vergessen. Daraus hat sich ein Minderwertigkeitskomplex entwickelt, der eben dann zu Gewaltausbrüchen führt.

In einem Aufsatz West-östliche Angstkulturen von Thomas Scheffler werden im Nahen und Mittleren Osten nach 1945 typologisch vier große Konfliktgruppen genannt. Uns interessieren davon allerdings nur zwei, einmal die Aufstände gegen die Fremdherrschaft der auswärtigen Mächte, die blutigen Kämpfe gegen die französische Kolonialherrschaft in Marokko 1952 bis 1955, 1953 bis 1954 in Tunesien und vor allem dann in Algerien von 1954 bis 1962 mit über einer Million Toten auf algerischer Seite.

Aufstände gegen die britische Herrschaft fanden dann in Ägypten 1946 bis 1952 statt, in Aden 1963 bis 1967. In neuerer Zeit dann natürlich der Widerstand gegen die israelische Besetzung Westjordaniens und der Ghaza-Streifens.

Die zweite Konfliktgruppe sind die nachkolonialen Militärinterventionen ausländischer Mächte wie die britisch-französische Suez-Expedition 1956, die amerikanische Militärintervention im Libanon 1958, sowjetische Invasion Afghanistans von 1979 bis 1989, dann natürlich der Krieg einer amerikanisch geführten Allianz gegen die irakische Besetzung Kuwaits 1991 und die multinationalen Militärinterventionen im Libanon 1982 bis 1984 und in Somalia 1992 bis 1995.

Das Motiv des Kampfes gegen die Fremdherrschaft lässt sich keineswegs auf rein religiöse Motive oder eine archaische Gewaltfreudigkeit der einheimischen Bevölkerung reduzieren. Fremdherrschaft, Unterdrückung, koloniale Landnahmen, Menschenrechtsverletzungen und soziale Ungerechtigkeiten haben auch außerhalb der islamischen Welt immer gewaltsame Konflikte genährt.

Ich möchte das kurz zusammenfassen:

Die aggressive, rücksichtslose Politik der Vereinigten Staaten, die ausschließlich ihren eigenen, vor allen Dingen wirtschaftlichen Interessen dient, die unfähig ist zu Kompromissen und einer wirklichen Partnerschaft ist, hat nicht nur die islamischen Länder tief verstört. Die einseitige Stützung Israels, die grausamen und völkerrechtswidrigen Übergriffe gegenüber der palästinensischen Bevölkerung, die Jahrzehnte ruhig ertragen wurden, haben schließlich zu den verschiedenen terroristischen Aktionen geführt. Es geht hier nicht um religiöse Konflikte, sondern ausschließlich um politische.

Selbstverständlich, das trifft für beide Seiten zu, finden sie Kraft oder Entschuldigung in ihrer Religion. Das ist aber eine rein persönliche Sache des Einzelnen und nicht Auslöser der terroristischen Aktion.

Hans Fischer-Barnikol schrieb dazu): "Ein globales Imperium unter europäischer Vorherrschaft zu errichten, hat sich als eine grausame, gewalttätige Farce erwiesen: In der Konkurrenz der untereinander zerstrittenen Kolonialmächte, denen es nicht um eine Ausweitung europäischer Kultur und schon gar nicht um christliche Mission ging, sonder nur um die Ausweitung und Festigung ihrer politischen Macht und ihrer wirtschaftlichen Ausbeutungsmöglichkeiten. Nicht europäische Kultur, sondern eine veräußerlichte, von ihren eigenen religiösen und ethischen Geboten weitgehend entbundene, säkularisierte Zivilisation hat sich die Erde untertan gemacht..."

11. September 2001

Es ist schwierig, die Terroranschläge in den USA richtig einzuordnen. Schwierig deshalb, weil es bisher tatsächlich keine gesicherten Fakten gibt und wir keine konkreten Hinweise haben, wer wirklich hinter dieser Aktion steckt. Trotz wiederholter Ankündigung, Beweise vorzulegen, haben die Amerikaner nichts vorgelegt, was auch nur ein en Hauch von Beweiskraft hätte. Die sogenannten Beweise, die die britische Regierung vorgelegt hat, die in der FAZ abgedruckt worden sind, sind vage Vermutungen und Zuschreiben ohne realen Hintergrund.

Aufgrund der Informationen, die ich in Deutschland aus Presse und Fernsehen zur Verfügung hatte und von dem, was ich vergangene Woche bei einer Reise nach Dubai und Jeddah gehört habe, ergibt sich für mich folgendes Bild:

Die Anschläge in Washington und New York waren nicht der Beginn eines Kampfes der Kulturen, sondern schon im Hinblick auf die zerstörten Objekte eindeutig politisch motiviert. Sie galten der einzig verbliebenen Weltmacht Vereinigte Staaten.

Wir sind also, was diese Seite des Themas angeht, auch weiterhin auf Vermutungen angewiesen. Ich persönlich bin aber der Meinung, daß der Konflikt zwischen Juden und Palästinensern , ebenso eine Rolle spielt wie das Vorgehen der Amerikaner im Irak und der daraus resultierende Aufbau eines Netzes von Stützpunkten fast auf der ganzen Arabischen Halbinsel.

In der Arab News vom 23.102001 war ein Kommentar überschrieben: "It's time, Americans aks: Why us?" Warum wurde nicht Großbritannien angegriffen, Rußland, Frankreich, Deutschland und China. Er erinnert an Saddam Hussein, der erst von den USA unterstützt wurde, dann provozierten sie ihn zum Angriff auf Kuwait. Um in einem maßlos überzogenen Kampf zum Schluß noch die abziehenden irakischen Truppen zusammenschossen und zusammenbombten, die praktisch wehrlos waren. Er erwähnt, daß nur die Amerikaner die Konferenz in Durban verlassen haben, weil Israel als rassistische Nation gebrandmarkt wurde.

Die Vereinigten Staaten haben, so der Schreiber, in den letzten zehn Jahren Israel 90 Milliarden US$ an Hilfe gewährt. Und schließlich sagt er, anstatt die Gründe zu untersuchen, die zu diesem Anschlag geführt haben, haben die Amerikaner nichts anderes im Sinn als umgehend und ohne Beweise Afghanistan zu bombardieren und vor allen Dingen Zivilisten zu töten.

Tatsache ist auch, daß alle Diktaturen und waren sie noch so grausam, in Süd- und Mittelamerika oder Afrika sich stets des Wohlwollens der Vereinigten Staaten sicher sein konnten. Ich erinnere an Kuba, an Haiti, an Chile, an die völkerrechtswidrigen Übergriffe in Grenada und Panama, Vietnam und Korea. Eine solche vollkommen egozentrische Politik muß eines Tages Folgen haben. Die Völker lassen sich nicht ewig auf diese Weise knechten oder bevormunden. Diese Politik hat bereits die Guerilla in Mittel- und südamerika hervorgebracht und die Terrorgruppen der Palästinenser wie die Hamash.

Um die Geschehnisse im richtigen Licht zu sehen, muß man einen kurzen Rückblick auf das 20. Jahrhundert und die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika werfen.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterstützen die Amerikaner bedingungslos den Staat Israel, der durch unglaubliche Brutalität, durch Vertreibung von über einer Million Menschen zustande gekommen ist.

Ich möchte hier eine private Bemerkung einschieben, ich befasse mich seit Jahren intensiv mit Zeitgeschichte und als ich von den Anschlägen in New York und Washington hörte und die Bilder im Fernsehen sah, fielen mir ganz ungewollt nach dem ersten Schock die völkerrechtswidrigen Bombardierungen deutscher Städte ein, im Juli 1944 Hamburg mit über 42.000 Toten, darunter 5.600 Kindern, Dresden, wo man etwas über 202.000 Opfer bergen konnte und niemals erfahren wird, wie viele Menschen wirklich dabei umgekommen sind, Tokio, Hiroschima und Nagasaki. Auch dafür hat es nie eine Sühne oder gar eine Entschuldigung gegeben. Aber das nur nebenbei.

Zweimal im 20. Jahrhundert hatten die Amerikaner die große Chance, die Welt zu befrieden. Nach dem Ersten Weltkrieg durch Wilsons 14 Punke, nach dem Zweiten Weltkrieg, hätten sie Ernst mit der Atlantikcharta gemacht.

Der von der US-Regierung provozierte Angriff Saddam Hussains auf Kuwait erlaubte den Amerikanern, praktisch auf der gesamten Arabischen Halbinsel Militärstützpunkte zu errichten und so die größten Ölvorkommen der Welt zu kontrollieren.

In diesem Zusammenhang muss auch erlaubt sein, an die völkerrechtswidrigen Bombardierungen europäischer und japanischer Städte zu denken. Im Juli 1944 starben im Bombenhagel, vor allen Napalm, über 42.000 Menschen, darunter 5.600 Kinder. In Dresden hat man etwas über 202.000 Opfer bergen können, man schätzt aber die Dunkelziffer derer, die total zerfetzt und völlig verbrannt wurden, auf zwischen 50.000 und 100.000. Ebenso sei an Hiroschima und Nagasaki und an den konventionellen Bombenangriff auf Tokyo mit über 100.000 Toten erinnert.

Kurz zusammenfassend möchte ich sagen, dass Gewalt, auch gegen das Völkerrecht verstoßend, immer ein Mittel amerikanischer Politik war.

Will man tatsächlich den Dingen auf den Grund gehen, darf man nicht aus irgendwelchen falsch verstandenen Rücksichten die Augen verschließen.

Auf einem Anti-Terror-Gipfel am 13. März 1990 nahmen 29 Staats- und Regierungschefs und Vertreter internationaler Organisationen teil. Nach dem Bombenanschlag auf die amerikanische Militärbasis von Al-Khobar in Saudi Arabien am 25. Juni 1996 verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs der 7 wichtigsten Industriestaaten (G7) auf ihrem 22. Gipfeltreffen in Lyon vom 27. bis 29. Juni 1996 eine scharfe Verurteilung des Terrorismus in allen seinen Formen und einen 40 Punkte umfassenden Maßnahmenkatalog zur Bekämpfung der transnationalen Kriminalität. Dann, nach der Explosion einer TWA-Maschine bei New York, die wie wir wissen keinem Terroranschlag zum Opfer gefallen war, schloß eine außen- und Innenministerkonferenz der gleichen Staatengruppe in Paris 25 Maßnahmen zum Kampf gegen der Terrorismus.

Was heißt das? Das heißt, daß die Gefahr des Terrorismus klar erkannt und Maßnahmen dagegen ergriffen wurden. Das heißt weiter, daß diese Länder, vor allen Dingen die Vereinigten Staaten, ihre Geheimdienste zum Kampf gegen der Terrorismus mobilisierten.

Trotz eines gewaltigen technischen und auch menschlichen Aufwandes blieben die monatelangen Vorbereitungen für die Anschläge vom 11. September unbemerkt. Ein solcher Schlag erfordert eine monatelange generalstabsmäßige Vorbereitung, die nur im Lande selbst vorgenommen worden sein kann. Mögen die muslimischen Studenten aus Hamburg beteiligt sein oder nicht, vorbereiten von Hamburg aus konnten sie es nicht. Völlig ausgeschlossen ist aber, daß Osama bin Ladin von Afghanistan aus in irgend einer Weise hätte mitarbeiten können. Die einzige Möglichkeit einer Beteiligung wäre eine finanzielle Unterstützung gewesen.

Kaum 24 Stunden nach den Anschlägen finden plötzlich die amerikanischen Geheimdienste am Flughafen von Boston ein Auto, in dem Flughandbücher in arabischer Sprache liegen. Wenig später steht fest, daß Osama Bin Ladin, den – das darf man nicht vergessen – die Amerikaner in seinem Kampf mit den Afghanen gegen die Russen mit Geld und Waffen unterstützt haben, der Hauptverdächtige ist.

Terroristen, die viele Monate ohne auch nur den kleinsten Fehler zu machen, denn dann wären sie vermutlich entdeckt worden, einen solchen präzisen Anschlag planen, sollen dann solche Spuren hinterlassen haben? Das Sonderbare an der ganzen Sache ist, daß je mehr Zeit vergeht, desto mehr Zweifel auftauchen, desto mehr Ungereimtheiten auffallen und natürlich die sonderbare Zurückhaltung der Amerikaner.

In der arabischen Presse während der Woche meines Aufenthaltes wurde immer wieder darauf hingewiesen, daß nicht nur die Taliban, sondern auch andere arabische Staaten angeboten haben, bei der Auslieferung Bin Ladins behilflich zu sein, wenn die Amerikaner handfeste Beweise vorlegten, daß er in den Anschlag verwickelt sei. Statt darauf einzugehen, wird nach altem – ich möchte fast sagen Weltkrieg-II-Muster – bombardiert, sicherlich auch mit dem Ziel, die Zivilbevölkerung zu demoralisieren.

Ich selber schließe nicht aus, daß Muslime in dieses Geschehen verwickelt sind. Ich habe in Jeddah am Dienstagabend zwei Stunden mit einem Soziologieprofessor der King Abdul-Azziz-Universität Jeddah erörtert, ob der Anschlag von Arabern verübt worden sein kann. Er hat aber ohne Zögern das bestätigt, was ich vor Wochen in einem Zeitungsinterview gesagt habe, daß eine so präzise und vor allen Dingen langfristige Planung nicht Sache von Arabern ist.

Das, was jetzt in Afghanistan durch die Amerikaner und Engländer geschieht, ist nicht die Antwort einer zivilisierten Welt, sondern Barbarei.

Susan Sonntag hatte bereits in der FAZ Stellung bezogen. "Die Terrorakte in den USA stellen keine Attacke auf Freiheit und Menschlichkeit dar, sondern einen angriff auf die Vereinigten Staaten, die einzige selbsternannte Supermacht der Welt." Und die indische Schriftstellerin Arondhadi Roy fragte rhetorisch, ob es nicht möglich sei, daß die finstere Wut, die zu den Anschlägen führte, an nicht mit Freiheit und Demokratie zu tun hat, sondern damit, daß amerikanische Regierunen genau das Gegenteil unterstützt haben.

Seit Jahren lassen die Amerikaner die Dinge im Irak schleifen. Hin und wieder wird gebombt, aber das Embargo bleibt. Nach angaben der Vereinten Nationen hat das in den letzten Jahren zum Tod von 1,2 Millionen Kindern und alten Leuten geführt. Wie ein amerikanischer Journalist feststellte: "1.200.000 children have died as a direct result of our policy towards Iraq." Am 11.Mai 1996 gab Madlein Albright Miss Stahl of CBS ein interview. Die Frage von Leslie Stahl: Wenn wir von den Sanktionen der USA gegen den Irak sprechen, wir haben gehört, daß eine halbe Million von Kindern gestorben ist. Ich meine, das sind mehr Kinder als in Hiroschima umgekommen sind. Und Sie wissen das. Ist das den Preis wert?" Madlein Albright: "Ich denke, dieses ist eine schwere Wahl, aber der Preis, wir denken, der Preis ist es wert."

Zusammenfassend möchte ich sagen, der Anschlag ist ausschließlich politisch begründet. Er hat keinen religiösen oder kulturellen Hintergrund. Es ist ausgeschlossen, daß Osama Bin Ladin oder Mitglieder seines Netzwerkes den Anschlag geplant und vorbereitet haben. Ich halte es für wahrscheinlich, daß Muslime involviert sein können, denn der Sprengstoff, der sich in den letzten 50 Jahren im Nahen und Mittleren Osten angesammelt hat, kann man nicht übersehen.

Ich hoffe, daß die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, daß der Islam tatsächlich eine Religion des Friedens und des Ausgleiches ist und Terrorismus in jeder Form ablehnt. Daß es dennoch muslimische Terroristen gibt, ist ausgesprochen bedauerlich, hat aber auch hier einen politischen Hintergrund und ist nicht religiös motiviert. Das Gerede, der Islam wolle die Welt erobern, ist unsinnig und entbehrt jeder Grundlage. Natürlich gibt es Muslime, die zu religiösem und politischem Extremismus neigen, aber das sind einzelne und man darf diese Dinge nicht verallgemeinern.

Wie ist die Reaktion der deutschen Regierung auf die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten zu bewerten?

Jede Regierung ist ausschließlich dem Frieden und der Wohlfahrt ihres eigenen Landes verpflichtet. Selbstverständlich schließt das nicht die Zusammenarbeit mit anderen Ländern aus, wenn es den genannten Zwecken dient. Die "uneingeschränkte Solidarität" der Regierung Schröder ist ein schwerer Fehler und kann nun Deutschland in das Blickfeld von Terroristen bringen.<

Sind wir wirklich noch die westliche Wertegesellschaft?

Terror läßt sich nicht durch Terror besiegen. Im Gegenteil, er fordert immer neue terroristische Akte heraus.

Wir alle müssen umdenken, vor allem aber die Politiker. Und von denen zu allererst die amerikanischen Regierenden.

Wenn wir Deutschen aber auch weiterhin das alles hinnehmen und mitmachen, werden wir selbst schuldig.

Deutschland hat in seiner Geschichte Großartiges geleistet in Kultur, Kunst, Wissenschaft, Philosophie. Das Gleiche gilt für die Technik, kaum ein Volk ist so kreativ wie das deutsche.

Seit 1945, dem Ende des zweiten Weltkrieges sind zwei, beinahe drei neue Generationen herangewachsen. Sie haben nicht das Geringste mit den Geschehnissen vor 1945 zu tun.

Die Welt ist klein geworden und an einer Verständigung zwischen den Kulturen führt kein Weg vorbei, wollen wir nicht alle in Terror und Elend versinken. Es gibt im Inland und im Ausland immer noch Menschen, die den deutschen massiv vorwerfen, im 3. Reich geschwiegen zu haben. Ich denke denke da nicht nur an Goldhagen, sondern auch an Paul Spiegel oder Herrn Friedmann, an Ralf Jordano und andere.

Aber genau das tun wir jetzt. Wir schweigen, wo Protest angebracht wäre, wir lassen uns gängeln wo Widerstand die richtige Antwort wäre.

 
e) Aufklärung

Eine Frage, die immer wieder auftaucht ist die, ob der Islam nicht eine Aufklärung benötige, wie sie in den christlichen Gesellschaften im 18. Jahrhundert in Europa stattfand. Dabei benutzen viele Menschen den Begriff der Aufklärung zur Abgrenzung des Guten (Westens) zu den rückschrittlichen islamischen Gesellschaften. Dabei wissen sie gar nicht so genau, worüber sie eigentlich reden, noch haben sie sich Gedanken darüber gemacht, welche (zum Teil fraglichen) Entwicklungen die westliche Welt durch die Aufklärung genommen hat.

Im religiösen Bereich, auf den ich mich hier beschränken will, war die Aufklärung eine Reaktion auf die Repression durch die Kirche im Mittelalter mit ihrer Hexenverbrennung, Wissenschaftsfeindlichkeit, Ablehnung der Vernunft und der völligen Beherrschung des Denkens und Handelns der Gläubigen.

Allerdings hat die berechtigte Kritik an der Kirche, und das ist eine der Schattenseiten, mit der die westlichen Gesellschaften heute noch zu kämpfen haben, zur Abkehr von der Religion, vom Glauben an außerrationale Werte geführt, zur Loslösung der Religion von allen anderen Bereichen des Lebens und zur Verherrlichung der Freiheit des Individuums ohne Verantwortung. Der blinde Glaube an den Fortschritt hat den Glauben an Gott bei vielen Menschen ersetzt, obwohl die Wohltätigkeit des Fortschritts insgesamt fragwürdig geworden ist. Dieses Dilemma ist noch nicht aufgelöst. Nicht umsonst werden heute nach jeder Katastrophe Wertedebatten geführt, die aber bisher zu keinem in der Gesellschaft sichtbaren Wandel geführt haben. Schließlich stellt sich auch die Frage, ob es tatsächlich noch die viel beschworene Vernunft ist, die unser Handeln in vielen Lebensbereichen bestimmt. Wenn wir diese Konsequenzen der Aufklärung bedenken, können wir dann den islamischen Gesellschaften mit gutem Gewissen das Gleiche wünschen?

Kant definiert die Aufklärung folgendermaßen: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen...

Auf diese Definition Bezug nehmend behaupten einige Muslime, der Islam habe eine Aufklärung nicht nötig gehabt, weil er im Gegensatz zur christlichen Kirchenlehre den Menschen nicht für unmündig erklärt habe: In muslimischen Gesellschaften der Ver-gangenheit haben die Wissenschaften eine große Blüte erlebt, auch in den religiösen Debatten wurde immer wieder zum Gebrauch des eigenen Verstandes aufgefordert, und der Mensch war für sein Handeln allein vor Gott verantwortlich. Zweifellos eine großenteils richtige Aussage, aber:

Erstens übergeht diese Aussage die Tatsache, dass es im sogenannten Goldenen Zeitalter, im 9. – 12. Jahrhundert unter der Herrschaft der Abbasiden, ein der Aufklärung ähnliches Phänomen im Islam gab, das in einem intensiven Diskurs über Glauben und Ratio, einer Vielfalt von Denkschulen, der Versuchung des Rationalen und in einigen Kreisen sogar der Entschlossenheit, die Religion in Frage zu stellen, seinen Ausdruck fand. Diese Strömung führt allerdings nicht zur Abkehr vom Glauben.

Natürlich sind in großem zeitlichen Abstand auch Gedanken der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts bis in den Nahen und Mittleren Osten gelangt. Da sie auf eine Gesellschaft trafen, die vor völlig anderen Herausforderungen stand als der Westen, war deren Einfluß im religiösen Bereich allerdings gering.

Zweitens ist es heute nicht zu übersehen, dass es in vielen muslimischen Ländern einen religiösen Diskurs gibt, der auch abweichende Meinungen unterdrückt. Entgegen der geistigen Freiheit des goldenen Zeitalters und der Lehre des Islam maßen sich einige Muslime an, andere zu Häretikern zu erklären und zu bestrafen. Wenn der Westen heute eine Aufklärung im Islam fordert dann vor allem deshalb, weil einige islamische Länder fanatischen Regimes unterworfen sind und andere die Wiedereinführung der Scharia propagieren.

 
f) Demokratie, Laizismus

(aus: Bencheikh, Marianne et la République)

Die Ablehnung des Laizismus ruht auf mehreren unbegründeten Argumenten:
  1. Muslimische Anhänger des Laizismus wollen nicht nur Religion und Staat trennen, sondern jeden sozialen Ausdruck von Religion aus der Öffentlichkeit verbannen.
  2. Das Gegenlager übernimmt diese Definition, um sie zu verurteilen, aus der Debatte um Laizismus wird ein Konflikt zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen.
Dabei profitieren sowohl der Staat als auch die Religion von Laizismus:
  1. Religion wird von falschen politischen Übergriffen befreit.
  2. Staat wird von jeglichem Dogmatismus befreit.
Inzwischen gibt es Fortschritte in der muslimischen Welt, eine Annäherung an eine richtige Definition, aber auch immer noch Ablehnung. Hauptargument ist, dass der Islam ein globales soziales Projekt beinhalte, die Gesellschaft organisiere und dazu die staatlichen Institutionen brauche. Dem ist zu entgegnen:
  1. Tatsächlich profitiert davon nur die Politik.
  2. Die Politisierung des Islam verhindert soziale und ökonomische Reformen, politische Gegner werden exkommuniziert, der Islam muss über der Politik stehen.
  3. Wie kann man noch der Politisierung vertrauen, wenn jede Sache und ihr Gegenteil mit dem Islam legitimiert wird? Erbmonarchien, totalitäre Regime, Republiken...
  4. In Algerien ist der oberste islamische Rat eine staatliche Organisation und hat sich nicht gegen Boumedienn und Chadli gewehrt, soziale Reformen nicht vorangetrieben.
  5. In Frankreich erheben die Religionsgemeinschaften durch die Autonomie der moralischen Kraft ihre Stimme, um Affairen zu verurteilen oder Projekte zu unterstützen.
Das eigentliche Problem in der muslimischen Welt ist die Tatsache, dass das Prinzip des "modernen Staates" noch nicht in den Köpfen verankert ist.
  1. Der moderne Staat ist souverän, die Souveränität erhält er von den Bürgern.
  2. Der moderne Staat hat keine Religion, kann aber eine oder mehrere anerkennen und respektieren, Glauben ist eine existenzielle Wahl, sie lässt sich nicht dekretieren.
  3. Die Anerkennung darf nicht zur Benachteiligung von Minderheiten führen, der Staat repräsentiert alle Bürger.
  4. Der Verzicht auf Einflussnahme auf die Religion ist ein Zeichen von Respekt.
Politischer Archaismus steht hinter der Ablehnung von Laizismus:
  1. In Saudi-Arabien ist der Archaismus nicht nur gedanklich verhaftet, sondern auch in anerkannten Institutionen, gewaltsam erobert Familie Saud ganz Arabien, heute heißen alle Einwohner Saudis und sind nicht nur Muslime, sondern Wahabiten.
  2. Die meisten muslimischen Länder haben politische Modernität angenommen, aber nicht verinnerlicht.
  3. Algerier und Palästinenser lösen sich von der alten Mentalität, große Veränderungen geschehen nicht durch staatliche Entscheidungen, sondern durch Volkswillen.
  4. Die barbarischen Taten im Namen des Islam in Algerien fordern Fragen danach, welchen sozialen Status Religion haben soll: Wie kann der Islam so unterschiedliche politische Forderungen möglich machen?
Denker und Theologen müssen das muslimische Recht entsakralisieren und es mit der Intelligenz unserer Jahrhunderts neu lesen. Das soziale Projekt des Islam lässt sich nicht erzwingen, es ruht auf den Herzensentscheidungen der Menschen. Es lässt sich nur erreichen, wenn der Islam überzeugend ist. Nur durch das schöne Wort und gutes Zureden bleiben die Werte einer Religion erhalten und verbreiten sich in einer Gesellschaft.

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7. Länder

 
b) Palästina

Vier Uno-Resolutionen gegen Israel wurden unbeachtet gelassen, darunter die Aufforderung der UN, die eroberten Gebiete, UN-Resolution 242 vom November 1967, die im Sechs-Tage-Krieg erobert worden waren, zu räumen. Israel denkt nicht daran, die Amerikaner unterstützen Israel weiterhin und auch die völkerrechtswidrigen Angriffe in Ziele in Ägypten, Jordanien und Syrien finden keine Sühne.

Nun, wie verhalten sich die Araber und vor allen Dingen die Palästinenser demgegenüber?

Ich möchte an dieser Stelle kurz die pälästinensische Seite beleuchten.


Bereits1881 finanziert Baron Edmond de Rothschild die Einwanderung von Juden nach Palästina.

Im November 1917 setzt sich England mit der Balfour-Erklärung für eine nationale Heimstätte der Juden in Palästina. Aber 1930 hatten bereits 29% der arabischen Familien in Dörfern ihr Land verloren.

Der Terror der Juden richtete sich nicht n ur gegen die Palästinenser, sondern auch gegen die Engländer. Die Terrorgruppe Irgun ermordet von April bis August 1938 119 Palästinenser.

Im November 1947 beschließt die UN-Vollversammlung über die Köpfe des palästinensischen Volkes einen neuen Verteilungsplan. Die Palästinenser, die 70% der Bevölkerung darstellen und 93% des Landes besitzen, werden auf 47% ihres Landes beschränkt, während die Juden, die nur 30% der Bevölkerung ausmachen, 53% des Landes zugewiesen bekommen.

Im April 1948 findet das Deer-Yassin-Massaker statt. Irgun- und Stern-Terroristen ermorden 250 Palästinenser einschließlich Frauen und Kindern. Die beiden Kommandeure waren Menachim Begin und Itzak Schamir. Im September des gleichen Jahres wird Graf Volke Bernadotte von Stern-Terroristen ermordet. Die Zionisten erklären 1948 einen unabhängigen Judenstaat und machen weitere 472.000 Palästinenser heimatlos.

1953 sprengen Israelische Spezialeinheiten in Kibya 42 Häuser, die Moschee und die Schule und töten 75 Männer, Frauen und Kinder.

Und jetzt möchte ich um Ihre besondere Aufmerksamkeit bitten, denn erst 1964, also nach über 20 Jahren Terror der Juden wird die PLO, die Palestinian Liberation Organization gegründet.

Im Juni 1969 okkupiert im Sechs-Tage-Krieg Israel den Rest Palästinas und Teile von Ägypten und Syrien. 670.000 Palästinenser werden heimatlos.

Im November 1987 beginnt die Intifada in Ghaza und weitet sich schnell in den ganzen besetzten Gebieten aus.

Im November 1967 werden die UN-Resolution 242 und 338 verabschiedet und fordern, daß Israel sämtliche Gebiete, die im Sechs-Tage-Krieg erobert worden waren, sofort zu räumen.

All dieses geschah sozusagen im Schutze der Amerikaner, die EINSEITIG Israel unterstützten. Keine europäische Macht setzte sich wirklich für die Palästinenser ein, sondern jeder überließ sie ihrem Schicksal. Erst im Dezember 1987, als die Palästinenser in ihrer Not und Hilflosigkeit zum Terror griffen und die Widerstandsbewegung Hammas gegründeten, wurde die Welt aufmerksam. Dennoch hat sich in den letzten zwanzig Jahren an der erniedrigenden und gequälten Situation der Palästinenser nichts wesentlich geändert. Ich möchte mit diesen Angaben deutlich machen, wie lange die Palästinenser jüdischen und britischen Terror in Geduld ertragen haben. Auch das Versprechen George Bush's senior, sich für einen palästinensischen Staat einzusetzen, wurde nicht eingelöst. Erst jetzt, nach den Terroranschlägen in New York und Washington will sich Bush junior für einen eigenen Palästinenserstaat einsetzen.

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c) Afghanistan

Text nach einem Essay des iranischen Filmemachers Mohsen Makhmalbaf: Die Buddha-Statue wurde nicht in Afghanistan zerstört – sie zerbrach an der Scham, der schon vor den Ereignissen des 11. Septembers geschrieben wurde. Natürlich gibt er deshalb auch keine Auskunft über die neuesten Entwicklungen in Afghanistan. Aber vieles, was heute Probleme schafft, ist in der Vergangenheit schon angelegt

Dass sich der Iraner Makhmalbaf als Iraner für die Situation in Afghanistan interessiert, ist kaum verwunderlich, wenn man weiß, dass bis vor 250 Jahren Afghanistan zeitweise zum Iran gehörte, beide Länder also eine gemeinsame Geschichte haben. Heute sind die Probleme Afghanistans im Iran durch die Anwesenheit von 2,5 Millionen afghanischen Flüchtlingen immer präsent.

Makhmalbaf glaubt entschieden nicht daran, dass die Probleme Afghanistans erst durch die Taliban entstanden sind, womit er auch ausschließt, das es reichen könnte, nur die Taliban zu entfernen, um dem Land zu helfen. Die Tragödie dauert schon lange und sie hat ein ungeheueres Ausmaß. Während der letzten 20 Jahre, also in der Zeit des Krieges mit Rußland, des Bürgerkrieges und der Machtübernahme der Taliban, starben etwa 2,5 Millionen Afghanen an den direkten oder indirekten Kriegsfolgen, an Armeeüberfällen, Hungersnot oder Mangel an medizinischer Versorgung (ein Mensch alle 5 Minuten!). Dazu kommen etwa 6,3 Millionen Flüchtlinge außerhalb Afghanistans in Pakistan und im Iran (jede Minute ein Mensch). Dazu kommen noch unzählige Flüchtlinge innerhalb Afghanistans. Die Bevölkerung wurde durch die Sterblichkeit um 10%, durch die Migration um 30% reduziert. Und noch immer und wahrscheinlich noch sehr lange treten jeden Tag 7 Menschen in Afghanistan auf eine Mine.

Afghanistan hat wie die meisten Länder, deren Bevölkerung heute überwiegend aus Muslimen besteht, eine koloniale Vorgeschichte, es stand im 19. Jahrhundert im Spannungsfeld England-Rußland.

Von 1919 bis 1928 herrschte der dem westlichen Modernismus zugeneigte Amanullah Khan, der nach dem Vorbild der Türkei versuchte, das Land der westlichen Zivilisation zu erschließen. Er befahl seiner Frau, den Schleier abzulegen, verlangte von den Männern, westliche Anzüge anzuziehen und verbot die Polygamie. Dieser Modernismus entbehrte allerdings jeder sozio-ökonomischen Grundlage und schlug fehl, er immunisierte die Bevölkerung sogar noch mehr, zumal jede Tradition dieses Landes aufgrund der Isolation und des fehlenden Austauschs intakt geblieben ist. Amanullah musste abdanken und außer Landes gehen. Sein Vetter und Nachfolger Nadir hob dann auch die meisten Reformen seines Vorgängers wieder auf.

Der Krieg mit Rußland von 1979- 87 hat die Strukturen des Landes zerstört, und bis heute gibt es keine praktikablen Alternativen: Früher war die Welt des afghanischen Bauern sein Tal, sein Beruf war die Landwirtschaft. Das Stammessystem löste seine sozialen Probleme. In den 70er Jahren waren nur 10% der Einwohner Afghanistans Städter, und es gab so gut wie keine Infrastruktur, die die Mobilität und den Austausch innerhalb des Landes begünstigt hätten. Dieses Problem stellt sich noch heute, erschwert durch die vielen Zerstörungen. Das wird den wirtschaftlichen Aufbau in Afghanistan sehr verzögern, der aber eine Grundvoraussetzung für die Stabilisierung des Landes ist. Mit dem Einmarsch der Sowjets kam es wieder zu massiven Änderungen, unter anderem dem Verbot vieler islamischer Traditionen. Und Afghanistan wurde mal wieder zum Spielball der Interessen anderer Mächte. Denn auch die USA griffen ein, indem sie die Mudschaheddin in ihrem Kampf gegen die sowjetische Besatzungsmacht unterstützten. Dabei spielten wirtschaftliche Interessen der USA eine Rolle.

Mit dem Krieg wurden aus Bauern Mudschaheddin, um ihr Tal zu verteidigen. Als der Krieg zu Ende war, sind sie allerdings nicht wieder in die Landwirtschaft zurückgekehrt, Bürgerkrieg, Schmuggel und Emigration blieben als einzige Beschäftigung. Der Bürgerkrieg offenbarte ein weiteres schwerwiegendes Problem Afghanistans, das bis zum heutigen Tag ungelöst ist: Die Bevölkerung Afghanistans setzt sich aus mehreren unterschiedlich großen ethnischen Gruppen zusammen. Die Destabilisierung des afghanischen Staates durch den Bürgerkrieg hat zu einer neuen Besinnung auf die je eigene ethnische Gruppe – Paschtunen, Usbeken, Tadschiken, Turkmenen – geführt, was die Einigung auf eine Regierung für alle besonders erschwert.

In der desolaten Bürgerkriegssituation war Afghanistan wieder das ideale Opfer für die Machtspiele anderer Nationen, vor allem Pakistans und der USA. "Tatsächlich", schreibt Makhmalbaf, "förderte, organisierte und brachte Pakistan die talibanische Regierung aus verschiedenen Gründen ins Spiel". Die Taliban erschienen genau zu dem Zeitpunkt, als Pakistan nach internationalem Recht Paschtunistan an Afghanistan hätte zurückzugeben müssen. Die Hoffnung war, dass die Taliban das aus Dankbarkeit nicht von Pakistan verlangen würden. Außerdem verringerte sich mit der Auflösung der Sowjetunion die westliche Nachfrage nach Pakistans militärischen Diensten. Zur Aufrechterhaltung dieser vitalen nationalen Beschäftigung schuf Pakistan die Taliban. Die USA haben wiederum durch finanzielle Unterstützung aus eigenem Interesse die weitere Entwicklung in Afghanistan unterstützt. Die Taliban gewannen schnell öffentliche Zustimmung, weil sie durch die Entwaffnung der Bevölkerung und drakonische Strafen scheinbar die von der leidenden Bevölkerung erhoffte Sicherheit brachten.

Um die Frage zu beantworten, was die Taliban sind, muss gesagt werden, dass die Taliban politisch ein von Pakistan unterstütztes Regierungsinstrument sind. Als Individuen sind sie verhungernde Jugendliche, die zu Studenten wurden und in Schulen zur Züchtigung von Kreuzrittern in Pakistan im Umgang mit Waffen trainiert wurden.

Diese Beschreibung rüttelt ganz schön an dem Bild der Taliban, das der Westen hat. Schon vor der Zeit der Taliban konnten 95% der Frauen weder lesen noch schreiben, die Taliban haben "nur" die verbleibenden 5% von der Schulbildung ausgeschlossen. Das führt Makhmalbaf zu der Frage, ob die afghanische Kultur von den Taliban beeinflusst worden ist oder ob sie nicht viel eher der Grund für das Erscheinen der Taliban war.

Den vorläufig letzten Akt in der Geschichte Afghanistans bilden wiederum Ereignisse, die von außen auf Afghanistan eingewirkt haben: die Bombardierung durch die USA und die vom Westen unterstützte Bildung einer Übergansregierung.

Im Fernsehen wurden uns letztes Jahr im Oktober Bilder glücklicher Afghanen gezeigt, nachdem das Talibanregime vertrieben war. Ich bin sehr skeptisch, ob diese Bilder tatsächlich die ganze Bandbreite möglicher Reaktionen der afghanischen Bevölkerung wiedergeben können. Sicherlich ist es für die Bevölkerung eine Art Befreiung, sicherlich birgt das Interesse der reichen Länder der Welt an Afghanistan Hoffnungen, aber nicht nur: So ist es offensichtlich, dass jeder Eingriff von Außen immer vor allem den Interessen der Eingreifenden, nicht aber denen der Afghanen diente, deshalb bleibt bei aller Hoffnung sicher viel Skepsis, ob es heute anders sein sollte. Ebenso sicher lebt die Vergangenheit, die permanente Zerrissenheit zwischen äußeren Mächten, im kollektiven Bewusstsein fort, was eine gewisse Ablehnung gegenüber den westlichen Hilfstruppen mit einschließt. Die Unsicherheit der Menschen bezüglich ihrer eigenen Identität und die sozialen Probleme können auch wieder zu einer gesteigerten Flucht in radikal-islamische Gruppen führen...

Die Vorraussetzungen für positive Entwicklungen in Afghanistan sind angesichts der vielfältigen Probleme des Landes meiner Meinung nach denkbar schlecht.

Es bleibt zu hoffen, dass die internationale Gemeinschaft genug Einfühlungsvermögen aufbringt, um den Afghanen Zeit zu lassen, ihren eigenen Weg zu beschreiten, dass sie nicht gezwungen sind, wieder nur ein Wertesystem zu akzeptieren, dass ihren Wurzeln nicht entspricht. Dazu zählt auch die Ausdauer, die wirtschaftlichen, sozialen, ethnischen und politischen Probleme wirklich zu lösen, und sich nicht dann, wenn die eigenen Interessen gesichert sind, sofort von Afghanistan abzuwenden.

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8. Allgemein

 
a) Wirtschaft

Die Mehrheit der Deutschen lehnt den menschenverachtenden Raubtierkapitalismus der westlichen Welt ab, und viele Menschen denken ernsthaft über Alternativen nach. Sie sehen im Zinssystem eines der Hauptübel. Die Diskussion über die Abschaffung des Zinses in Deutschland hat Tradition. Bereits nach dem ersten Weltkrieg befassten sich Wissenschaftler mit dieser Frage, so besonders auch Gottfried Feder, und plädierten für eine zinsfreie und spekulationsfreie Wirtschaft.

Auf einem politischen Symposium in jüngster Zeit mit 25 Wissenschaftlern sprachen sich alle Teilnehmer geschlossen für eine zinsfreie Wirtschaft aus.

Das Deutsch-Islamische Institut betreibt – denn Glaube äußert sich durch die Tat – den Aufbau einer Islamischen Bank und einer Islamischen Investmentgesellschaft in Deutschland, denn nichts ist überzeugender als ein Beispiel.

Die im Koran offenbarte Wirtschaftsordnung findet zumindest teilweise im alten Testament eine Entsprechung, nämlich das Verbot, Zinsen zu nehmen. Es ist selbstverständlich, dass der Gläubige für seinen und den Unterhalt seiner Familie sorgt und aus seiner Arbeit persönlichen Nutzen zieht. Das materielle Verlangen wird als gottgegeben grundsätzlich bejaht. Es darf Reiche und Arme geben, der Profit darf aber nie Selbstzweck sein. Geschäft und Moral sind nicht zu trennen. Der Besitz trägt Verantwortung. Nur derjenige handelt recht, der sein Vermögen auf anständige Weise erwirbt und einen Teil an Bedürftige weitergibt. Als sündhaft und daher verwerflich gelten Diebstahl, Habsucht, Ausbeutung, das Protzen, Horten und Spekulieren, der Aufbau von Monopolen.

Allerdings werden meisten Banken in den islamischen Länden nach westlichem Muster geführt, das System Islamischer Banken, die sich strikt am Koran orientieren ist aber kräftig am expandieren.